Irland – einzigartig, emotional, erlebnisreich

Vom Reisen und eine wahre Geschichte. Amazing.

on the road

Es gibt so Dinge, die muss man in seinem Leben einmal gemacht haben. Ihr wisst schon: einen Baum pflanzen, ein Haus bauen, Kinder zeugen. Das ist überliefert und bekannt. Es gibt darüber hinaus aber auch ein paar Ziele, die sollte man bereist haben. Ihr wisst es nicht? Einen Tipp hätt ich da für Euch, liebe Leser, kommt , wir unternehmen eine kleine Reise ins irische Grün, packen die Taschen, steigen aufs Rad, radeln einmal gegen den Uhrzeigersinn und somit gleichzeitig gegen weniger Wind um eine wunderbar grüne Insel und ich erzähle Euch zudem noch eine wahre Begebenheit, eine berührende Geschichte, die das Leben schrieb. Es ist darüber hinaus aber auch eine Erzählung, wie sie nur auf – oder genauer, durch das – Reisen entstehen kann. Gleichzeitig ist es mein zaghafter Versuch, das so zahl- und facettenreich vorhandene irische Grün über die Patrone des Druckers aufs Papier zu bannen und für die (Bike)Reisenden erlebbar, ja, gerne auch fühlbar zu machen. Konsequenterweise müsste ich nun eigentlich auch in „Irishgreen“ drucken, wenn es diese Kartusche denn gäbe.

dem Wetter trotzen

Meine Rad-Reise hab ich ja bereits im Blog „Splendid Ireland“ beschrieben, nun nehme ich Euch mit nach Dingle, Provinz Munster, einem kleinen romantischen Ort an der irischen Südwest-Küste, südlich vom berühmten Ring of Kerry, einem der mächtigen fünf „Finger“ die dort ins Meer ragen. In Dingle leben gut 2000 Seelen, der raue Wind der Küste hat Spuren in Ihren Gesichtern hinterlassen, das abwechslungsreiche Klima jedoch der Lebensfreude und Herzlichkeit keinerlei Schaden zugefügt. Es gibt dort sogar eine Statue zu Ehren des Delphins Fungie, der später in dieser Geschichte noch eine Rolle spielen wird. Ich werde mit Dir „virtuell“ ein irisches, tiefschwarzes Bier trinken gehen. Wir gehen in ein Pub mit dem unaussprechlichen Namen Flaherty und ich wage die Prognose: es wird ein unvergessener Besuch. Am Ende unserer Reise erzähle ich Dir aber eine wirklich wahre Geschichte. Eine Geschichte, und ich übertreibe nicht, mit Gänsehautgarantie.

Cliffs of Moher

Lets go. Drei Wochen ging es bisher mit meinem Velotraum von Dublin, der  quicklebendigen irischen Hauptstadt, gegen den Uhrzeigersinn über Belfast, die eindrucksvolle Coastalroad entlang des Giants Causeway weiter nach Letterkenny, Donegal, Sligo, bis das kulturelle Galway hinaus unterwegs. Am Vortag führte meine Route an den mächtig aus dem Atlantik aufragenden Cliffs of Moher vorbei. Ein Ausflug mit dem Kutter, nah entlang der Felsen, ist obligat. Der rauhe Seegang, die tiefstehende Sonne, umherkreisende Möven und der scheinbar unendliche Horizont vermitteln das salzige Gefühl der Freiheit.

Freiheit

Mit diesem Gefühl fahren wir weiter Richtung Süden, wir machen nun gedanklich die gemeinsame Tagesetappe von Listowel, Tralee schließlich über Derrymore und den imposanten Connor Pass hinunter in die Hafenstadt Dingle und durchqueren somit den ersten Ring of Kerry – Finger. Der Connor Pass selbst ist ein Naturschauspiel der besonderen Art. Der Anstieg – besonders im Vergleich zu den bisherigen Etappen rund um die Insel Irland, ist stet und steil. Links und rechts wuchert üppiges Gras, der traumhafte Ausblick auf die umliegenden Berge und die entfernt liegende Küste wird heute zwar von einem dichten Nebel verhüllt. Wir wären nicht überrascht, wenn aus dem Nichts plötzlich Stollentrolle, Elfen oder sonstige Herr-der-Ringe-Fabelwesen sich in den Weg stellen und dieser märchenhaften Kulisse eine reale Note geben würden. Doch Mordor ist weit entfernt. Der Cloughharee Lough und seine benachbarten Seen zum Greifen nah. Die Stimmung ist trotz Nebel, Nässe und einer kleinen Portion Ungemütlichkeit aber eine einzigartige. Als würde die Natur sich persönlich um uns kümmern, ganz nah bei uns sein wollen, ja, gar in den Arm nehmen. Als wolle sie sagen: „Nimm mich wahr, es müssen nicht immer die Hochglanz Postkarten Motive sein, Stimmung und Staunen lässt sich auch anders erzeugen.“ Stimmung und Staunen auf irisch geht auch mystisch, lautlos und grün.

grün, grün, grüner

Stichwort Farbe. Der Bergflanken sind so saftig grün, immer wieder unterbrechen graue, schroffe Steinmauern oder wilde weiße Bachläufe die einzelnen Flächen, der Weitblick ins neblige Tal und der dahinter liegende Nordatlantik lassen erahnen, wie phantastisch es hier erst aussehen muss, wenn ein blauer Himmel und die so gerne aufragenden weißen Quellwolken den Horizont begrenzen.

Doch zurück auf die Straße. Als wir endlich den höchsten Punkt des Passes (256m) erreichen, empfängt uns ein rauschender Wasserfall und auffrischender Wind. Ein niedriger Steinwall begrenzt den Asphalt links sowie rechts. Die sich schmal verengende Passstraße bekommt nun eine abenteuerliche Kurvenführung – einer der Gründe, warum der Connor Pass nicht für den Schwerverkehr freigegeben und daher – zum Glück – eher beschaulich frequentiert ist. Wir lassen die Bremsen los und gleiten einsam ins Tal. Die Feuchtigkeit ist gewichen, Wolkenfetzen geben den Blick frei. Traumhafte Perspektiven werden frei. Herr der Ringe in Postkartenidylle. Sinkflug.

Innehalten

Willkommen in Dingle. In unmittelbarer Nachbarschaft zum berühmten Ring of Kerry und vor allem mit den Naturschönheiten „Funghi´s Bay“ und „Dolphin Bay“. Tausendmal erwähnt, verfilmt und doch sich treu geblieben. Das Stadtbild ist typisch irisch. Bunte Häuserfassaden und ebenso vielfarbige Schilder an den Geschäften, Lokalen und Hotels bekunden eine Fröhlichkeit, wie man sonst nur selten in Europa antrifft. Wir sind von unserer Tagestour wohlig erschöpft, haben eine Vielzahl von Eindrücken, wie in all den vergangenen Tagen zuvor, in uns aufgesaugt. Das vielzitierte Grün in 264 unterschiedlichen Nuancen, die beeindruckenden Blicke auf die bizarre Küstenlandschaft, die sich an jeder Ecke und Weggabelung neu zu erfinden scheint: mal steil aufragend, mal sanft der Landschaft angepasst, doch stet von malerischer Schönheit. Sand, Steine, Gras, Dünen. Dichtes Blattwerk in den Wäldern, weidende Schafe auf schier unendlichen Landstrichen, gestochener Torf auf selbigen und mittendrin immer wieder kleine Ortschaften, gemütliche Pausenzonen, sei es von Menschenhand erbaut oder von der Natur erschaffen. Kostbare Perlen auf meiner Erinnerungskette.

Dingle

Wir brauchen ein Bett für eine Nacht. Das ist kein Problem in Irland. Die Lösung heißt Bed & Breakfast, kurz B&B. Im ganzen Land, nahezu an jeder Ecke findet man die äußerst liebevoll geführten Pensionen und somit auch ein gutes Frühstück und eine kuschelig wame Decke. Wir checken ein, duschen uns die sportlichen Strapazen vom Körper und lassen den Endorphinen freien Lauf. It´s a really good time in Ireland. Wir speisen in einem der zahlreichen Lokale klassischen Irish Stew und unternehmen schließlich ein kleinen Stadtrundgang, bevor uns der Durst in eines der besten Pubs, die ich jemals besuchen sollte, führen wird. Der Nebel hat sich längst verabschiedet und ist einer ebenso lauen wie klaren Mondnacht gewichen. Auf den Straßen Menschen, Gruppen, Grüppchen. Muße liegt in der Luft. Keine Hektik. Iren, Einheimische, Touristen aus aller Welt. Gesprächsfetzen in der Luft, kleine Gruppen vor den Lokalen. Und dann plötzlich, nicht gesucht, aber gefunden: ein knarrendes Schild in der Bridge Street, mit der unaussprechlichen Beschriftung „Failte go dti  o´Flaherty / Traditional Pub“. Stimmengewirr drängt aus der scheinbar Jahrhunderte alten Türe, Musik liegt in der Luft. (www.oflahertysbardingle.com)

Flaherty

Wir treten ein. Warme Luft schlägt uns entgegen. War es am Nachmittag noch die Natur, die uns in ihren Arm nahm, so ist es nun die Atmosphäre in diesem Raum, die uns beeindruckt. Wärme, Menschlichkeit, Musik, „unfassbar“ und doch so sehr greifbar. Der Dielenboden hat schon tausenden von Schuhpaaren Halt gegeben. Die Dekoration ist im Laufe der Jahrzehnte gewachsen, nur der Wirt ist immer noch der selbe. Ein politischer Aktivist, wie sein Vorbild Brian o´Flaherty, der irischer Widerstandskämpfer, davon zeugen zahlreiche Fotodokumente an den Wänden. Fergus Ó Flaithbheartaigh ist der Mann, der seit 1969 dieses Juwel vom verstorbenen Vater übernahm und diesem Pub seine warme Seele gibt. Ein rauher Mann mit weichem Kern. Wer ins Flaherty eintaucht, vergisst für eine ganze Weile, die Welt um sich herum. Das liegt mitnichten am guten Guinness, dem exzellenten Whiskey oder sonstigem Angebot an Getränken, sondern vor allem an der Life-Musik und dem Publikum im Raum. Kein geringerer als Wirt Fergus selbst mischt sich mit seiner Gitarre unter die Anwesenden und singt seine alten irischen Volks- und Seemannslieder. Mit einer wahrhaft einzigartigen Stimme zieht er die Zuhörer in seinen Bann. Gänsehaut. Die Menschen in den irischen Pubs sind offen und interessiert, Kontakt ist schnell geknüpft und schon befinden wir uns – wenn wir nicht gerade fasziniert der wunderbaren Musik lauschen – in vielschichtigen Gesprächen und Geschichten gefangen und der Abend ist – wie ich es so oft in Irland empfand – einer von jener Sorte, die man gut und gerne als „magic“ bezeichnen darf. „Magic“ weil die Herzenswärme und Aufrichtigkeit der Iren so authentisch, so echt ist, die irische Musik, einer warmen Decke gleich, für Gemütlichkeit sorgt, die ihresgleichen sucht. Wie pflege ich bei solchen Gelegenheiten stet zu sagen? „Oh, what a night!“

Der Wecker holt uns aus unserem tiefen Schlaf und erinnert an die Ziele die vor uns liegen. Frisch geduscht sitzen wir am Frühstückstisch unserer kleinen Pension. Der Herbergsvater, ein ehemaliger Seefahrer, gesellt sich zum letzten Kaffee dazu und wir kommen ganz unverfänglich ins Plaudern. Woher, wohin, warum, wieso und überhaupt wie ist denn das mit den Delfinen hier in Country Kerry? Der ältere Mann, nennen wir ihn der Einfachheit halber John, wird etwas nachdenklich und überlegt, bevor er milde lächelnd, etwas näher rückt und uns seine ganz persönliche und wahre Geschichte erzählt:

time out moments

Vor sechs Jahren kam ein Gast aus Frankreich zu ihm, für eine Nacht, nur für einen Tag auf der Dingle Halbinsel im County Kerry. Er wolle den Delphin Fungie oder seine Artgenossen sehen und zu einer bestimmten Stelle auf der Insel fahren. John erklärt ihm, dass diese Stelle wenig aussichtsreich sei und bietet seinerseits an, ihm einen wirklich tollen Platz zu zeigen. Gesagt, getan. Irische Offenheit und Gastlichkeit. Die zwei machen sich auf den Weg. Im Laufe des Tages bekommt John plötzlich starke Schmerzen in der Brust und sein Gast nimmt sich seiner mit den Worten „I am a cardiolog, you have to go to my Hospital in France at once, take the plane tomorrow“ an. John reist am Tag darauf gemeinsam mit dem Mann nach Frankreich, wird einen Tag später operiert und bekommt die Mitteilung Glück gehabt zu haben, da er sonst die nächsten 5 Tage nicht überlebt hätte. Dankbar fragt er nach der Rechnung. Der Doktor schüttelt den Kopf und sagt: „There is no bill.“

Etwas irritiert hakt John nach und sagt, das dies alles doch alles sehr teuer gewesen sein müsse. Der Doktor lächelt nur und sagt: „Forget the money, you re welcome, the only important thing is: you was nice to me, and now, I was nice to you. That’s all.“ Gänsehaut beim schreiben und auch als ich unterwegs noch mehrmals über diese Begebenheit und die tiefe Dankbarkeit und Herzlichkeit von John nachdenken muss. Was für eine schöne, warme Geschichte. Heute, sechs Jahre später, sitzt der irische Seefahrer John gesund hier bei uns am Tisch, lächelt und strahlt eine ganz besondere innere Ruhe und einen Frieden aus, der nicht vielen Menschen zu eigen ist, nimmt unser Geschirr nicht ohne uns noch ein paar wertvolle Tipps für unsere weitere Reise mit auf den Weg zu geben. Manchmal passieren solche Dinge, so auch in diesem Moment, in dem ich spüre: diesen Ort, diese grüne Insel werde ich nochmals besuchen. Tagsüber ein Ausflug mit John zu den Delfinen am „Dolphins Bay“ und am Abend ein irisches Bier im Flaherty und am besten vorher noch einmal rund herum und alle Facetten erneut in mich aufsaugen und wahrnehmen. Irland ist wahrhaft „magic“, isnt it?

Weiter führt uns unsere Reise dann in Richtung Cahirsiveen, wo wir den schönsten Campingplatz der Insel finden werden, aber das ist eine ganz andere (ebenso wahre wie grüne) Geschichte.

*** © udo kewitsch, 21.12.19 / zeichen 12.218 / zeilen 154 ***


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