Pfadfinder – im Test der Velotraum Finder

„Ruhig Brauner“ passt leider nicht. Das Objekt der Begierde kommt in knalligem Pink daher und man spürt den Vorwärtsdrang schon bei reiner Betrachtung. Unser Testbike ist ein Velotraum Finder, fett bereift (27,5+) aber keineswegs übergewichtig. Ein echter Pfadfinder. Wir haben uns den Stollengaul einmal genauer angesehen und auf den winterlichen Wegen des Chiemgaus getestet. Taugt er zum Galopp, trabt er ordentlich, kommt er auch beim Schritt und auf dem Trail nicht aus dem Tritt und überhaupt: wie sieht es mit den technischen Daten und der Performance aus? Lest selbst.

Abenteuerbereit

Apropos Performance. Die verbaute Sram GX Eagle bietet bei nur einem Kettenblatt mit ihren 12 Gängen satte 500% Bandbreite – eine 2×11 Shimano XT zeigt hier, je nach Konfiguration zwischen 503% und 529% – jedoch wäre dann natürlich ein zweites Kettenblatt vorne sowie ein Umwerfer vonnöten. Der Velotraum Finder spart sich solchen Schnick und konzentriert sich das Wesentliche. Keine Federgabel, kein Sattelstützen-Lift, leider auch kein Schnellspanner – ein schnell behebbarer Faux-Pax.

Konzeptionell wird der Finder seinem Namen gerecht. Wege finden scheint das Motto. Der eingangs erwähnte „optische“ Vorwärtsdrang schreit förmlich nach einem „steig auf“. Die Position ist keineswegs gestreckt, im Gegenteil, komfortabel kompakt und somit auch wendig genug, wenn es mal enger und unwegsamer wird. Aufsitzen, wohlfühlen, so geht klappt das „Wege finden“. Das Cockpit ist aufgeräumt, ein Schalthebel rechts, eine sicherheitsstiftende Glocke links – fertig. Der breite Truvativ Lenker (xxx mm) passt in edlem Titangrau nicht nur optisch gut zum Bike, sondern ist auch ergonomisch angenehm. Barends sind aus der Mode, also sind auch keine verbaut. Stichwort Cockpit. Die Tatsache, dass das zu Verfügung gestellte Testbike komplett in der „Bikepacking“-Version angeliefert wurde, unterstreicht die (Pfad)„Finder“ Aufgabenstellung hat aber auch zur Folge, dass die Lenkzentrale trotz Pragmatismus voll ist. Eine sinnvolle „Feedbag“ von Revelate Designs gesellt sich zum praktischen Handlebar-Pack von Ortlieb und der dazugehörigen Accessory- Pack. Tolle Teile und darüber hinaus super praktisch im Offroad Einsatz – angenehmer Nebeneffekt: der Rücken bleibt frei.

Packesel

Der Bike-Packer reist für gewöhnlich mit ordentlicher Ausrüstung. So findet im Finder auch eine Frame-Bag von Ortlieb gut Platz und am Sattel wartet die Saddle-Bag auf zu bestehende Abenteuer. Wer nicht seinen kompletten Hausstand mit sich führt, kommt in dieser Konfiguration mit gesundem Minimalismus gut über 2-3 Tage.

Gut kommt man auch über die Schotterwege, Trails und Wanderstraßen. Das Velotraum klettert ordentlich, im Wiegetritt kommt keinerlei Unruhe auf und auch auf schneebedeckten Schotterstraßen spuren wir zielgerecht hinunter. Solange der montierte Pneu uns nicht einen Strich durch die Rechnung macht. Der Schwalbe Rock Razor (hinten) ist für Schnee nicht die beste Wahl, wenig Seitenhalt und eher flache Stollen verlangen mehr nach sommerlichen, vor allem aber schlamm- und schneefreien Ausfahrten. Auch der berühmte Nobby Nic tut sich in diesem Terrain etwas schwer. Mit Spikes oder griffigem Profil wird aus dem Finder aber schnell ein zweirädriger Ganzjahres Jeep.

Der Ritt auf dem pinken Gefährt macht Laune, das Gewicht überrascht. Der optische Eindruck, bedingt durch die „dicken Backen“ aufgrund der 2,8er Pneus und der montierten Taschen, lässt einen kurzen Moment Zweifel an schnellem Vortrieb aufkommen, doch mitnichten. Der Antritt wird umgehend in Vortrieb umgesetzt und die Schaltkommandos werden knackig und prompt in Agilität umgesetzt. Schalten? Ja, das Ritzelpaket hinten verlangt je nach Zielsetzung (Gipfelsturm, Downhill oder tourentaugliches Gleiten) den passenden Gang. Doch auch hier gilt „Überraschung“. Zweifler der 1-fach Schaltungen führen ja gerne die zu geringe Bandbreite ins Feld. Doch die Sram GX Eagle ist über die Skeptiker erhaben. Es geht, auch bei grimmigen, schwer fahrbaren Anstiegen gut bergan, und im „Flugmodus“ rollt der Finder souverän dahin ohne das man den bayrischen Ausdruck „haxeln“ (im Sinne von übermäßigem strampeln) bemühen müsste. Die Gänge erfordern etwas Daumenkraft, schalten aber präzise und ohne zu hakeln. Die SRAM Bremsen beißen zuverlässig und kraftvoll zu.

Antrieb

Ein Wort noch zur Gabel. Die XC Prong ist rein optisch schon ein Leckerbissen. Wuchtig in der Optik, wendig in der Funktion. Puristisch und kraftvoll schaut sie aus, verwindungssteif fühlt sie sich an. Dem Finder steht sie allemal sehr gut zu Gesicht. Zudem sind Anlötgewinde für z.B. eine Salsa Anything Cage vorhanden, gut mitgedacht. Eine Lichtanlage für abendliche Ausflüge ist nicht installiert, hier greift der Pilot am besten zu Alllösungen (z.B. Supernova Airstream in Kombination mit dem Supernova Taillight).

 

Fazit: der Finder ist ein ausgewogenes Bike in toller Optik. Gemacht für Abenteurer und all jene, die es werden wollen. Gutmütig im Fahrverhalten, komfortabel in der Geometrie und variabel in der Ausstattung. Der (in dieser Preisklasse) fehlende Schnellspanner und die schwache Bereifung trüben kurzzeitig das Bild. In der Bike Packing Version ein Spaßmobil und ein sehr gerne genommener Hengst. Gutmütig, vortriebsstark und robust. Am Ende einer Tour hieße es dann gerne einmal „Brav Brauner“, wobei, dass passt nun leider wirklich nicht.

Pizzateller? 1×11 = über jeden Zweifel erhaben!

Info´s:

Rahmen                      Velotraum Finder
Antrieb                        Sram GX Eagle, 1×12

Kassette                     10-50 / Kettenblatt vorn zw. 30 und 38 Zähne verfügbar, oval oder rund
Farben                        kundenindividuell
Gabel                          XC Prong
Lenker                        Truvativ
Vorbau                       Truvativ
Schaltung                  SRAM GX Eagle
Übersetzung v/h     1×11 / vorne 30 od 38 möglich, hinten 10-50
Sattel                          Selle Royal
Felgen                         DT XM 481 oder XM 521
Reifen                         Schwalbe, vorne / hinten
Naben                         SRAM XO
Bremsen                    SRAM
Gewicht                     13,9 (L)
Zul. Gesamtgewicht (Rad, Fahrer, Gepäck) 140kg
Preis                           konfigurierbar ab 2.490 €
Hersteller:                  Velotraum, Weil der Stadt

Plus (Vorteile) & Minus (Nachteile)

+ komfortable Geometrie

+ Anlötteile für Flaschen etc.

+ Antrieb

+ Bikepacking kompatibel

+ Farben nach RAL auf Kunden-Wunsch

– fehlender Sattel Schnellspanner

– Bereifung

***

© Udo Kewitsch, erschienen in der Bike Adventure Ausgabe 2/18

 


1 Kommentar

Projekt mit Anhang – Udo Bike Blog · 20. Juli 2020 um 20:41

[…] Der Velotraum Finder Rahmen der zweiten Generation hat zwar keine Teilbarkeit (für einen Gates Riemen) mehr, aber dafür eine etwas bessere GEO und die ECHTE Option 2,8er Reifen zu montieren. In der Vorgängerversion war das schon knapp bemessen. Die Schwalbe Tires freuen sich drauf. Im übrigen gab es schon einmal einen (winterlichen) Velotraum Finder Fahrbericht hier im Blog –> Finder. […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.