Schuld hat Ralf Glaser – sein Buch inspirierte uns. Sein eMail Support führte dazu, dass wir fahren mussten. Die Tour selbst war also perfekt geplant, es sollte komplett anders kommen. Lest selbst.

via Migra ….go

Mardin – der Trailartist

Martin ist einer von der ganz trockenen Sorte. Spricht nicht so viel, fährt aber alles. Großgewachsen, fast zu dünn. Einer, der auch nicht davor zurückschreckt Internet-Bekannte, die über acht Ecken zumindest namentlich schon mal in den Dunstkreis der des „Kennens“ kamen, unvermittelt anzusprechen, ob sie sich denn vorstellen können, 7 oder 8 Tage gemeinsame Nächte im Doppelzimmer zu verbringen. Wundert sich auch nicht wenn man dann ohne allzu großes Zögern zusagt.

Mardin, fährt alles, kennt weder Neigungswinkel noch physikalische Grenzen, stellt sich dem Berg und kommt nur ins Wanken, wenn die Situation aus den Fugen gerät. Ansonsten stabiler Weggefährte, den nichts umhaut, der stoisch und unbeeindruckt von Wind und Wetter nur eines will: vorwärts, oder aufwärts. Beherrscht den Sidekick mit dem Hinterrad perfekt und ist stolzer Besitzer eines traumhaften schönen Bikes (Neid), ebenso wie er mit seiner coolen Sonnenbrille dem Verfasser fast die Show stiehlt und mit seiner GoPro auf Brusthöhe stet auch auf Augenhöhe des Geschehens ist.

Unverzichtbarer Sparringspartner, wenn es darum geht über die Alpen zu ziehen, weil mit den Attributen unkompliziert, gut vermittelbar und lustig versehen. Wobei: letzteres muss man gewöhnt sein. Lässt seinen Witz und Schalk nicht immer sofort von der Leine, sondern verpackt selbigen gerne in trockenste Umgebung, dass schon manch einer verwirrt und irritiert von dannen zog.

Plant wenig und unauffällig, ist aber stet auf alle Fragen vorbereitet. Kein Freund der Hektik, wenngleich durchaus in der Lage nervöse Momente zu durchleben. Radelt konsequent durch München und tritt dem Kettenblatt auch schon mal einen Zahn aus. Ist ein Nachtmensch und eine Frohnatur, flirtet nur ungern öffentlich und geniest ganz ausgiebig in sich rein. Kein Freund von großen Worten.

Zuverlässig, sparsam, strebsam. Mardin mag es gerne verblockt. Fährt aus diesem Grunde auch Reifen von der dicken, fetten Sorte, was ihn trotzdem nicht vor Plattfüßen schützt. Hört das Gras wachsen und manchmal auch die Steine fliegen. Warnt dann aber doch oft zu spät. Ist ebenso wie ich in der Lage sich zu ordentlich zu verfahren, lässt sich dennoch nicht beirren.

Mardin, treusorgender Familienvater von ausgeglichenem Gemüt. Still und leise, teilt sich seine Auszeiten behutsam ein und speichert intern alles innig ab. Klettert auf alle Watzmänner, die kommen, schon als Kind von korrektem Aufzeichnungszwang besessen. Fotografiert gerne auch mal unscharf. Neigt dafür umso mehr zu epischen Videosequenzen.

Trinkt und isst ebenso gerne wie er still und leise feiert.

Fazit: treue Seele von großherzigem Gemüt, zuverlässig, humorig, weltoffen und überhaupt nicht zugeknöpft. Hat Spaß und steht beidbeinig auf seinen Bärentanzen. Kumpel, Trailer, Scherzkeks.

Udo – der Väterliche

Jemanden über das Internet kennen zu lernen, ist in Zeiten des Web 2.0 keine  Besonderheit mehr. Einen Schmunzler ist es aber wert, dass man beim Stöbern und Gschafteln(*) in der Xing-Gruppe „Alpencross“ auf einen Moderator trifft, dessen Wohnsitz keine zehn Kilometer vom eigenen ehemaligen Heimatort entfernt ist, und den man trotz ähnlicher Interessen nicht kannte.

Beim Besuch einer seiner Alpencross-Vorträge lernten wir uns erstmals persönlich kennen und blieben durch exzessiven Gebrauch elektronischer Kommunikationsmedien in Kontakt. Dabei wurde dann die Idee geboren, mal eine Alpenüberquerung zusammen zu fahren. Ein gewagtes Unterfangen, könnte man meinen, denn um acht Tage gemeinsam zu verbringen, sollte man sich doch etwas besser kennen? Aber die Frage stellte sich nicht, denn jener Udo war mir erstaunlicherweise längst vertraut wie ein alter Kumpel. So liefen Streckenplanung und weitere Vorbereitungsmaßnahmen ohne jegliche Differenzen ab, und die etwas komplizierte Terminsituation konnte letztlich ebenfalls elegant gelöst werden.

Dann die Tour! Es kommt, wie es kommen soll, weder strapaziöse Anstiege noch schlechtes Wetter konnten uns den Spaß nehmen. Minimal unterschiedliche Vorlieben lassen sich ohne Diskussion ausleben. Wo ich versuche, im Aufstieg auch noch die verblocktesten Strecken aufwärts  zu fahren, schiebt Udo, kommt nur kurz nach mir an und verkündet fröhlich seine Philosophie „kann man fahren, muss man aber nicht“, während ich noch warte, bis mein Puls wieder den anaeroben Bereich verlässt. Abwärts schont Udo auch ab und zu mal gerne Material und Fahrer und nimmt lieber die Kiesstraße, während ich mich gerne Trailalternativen zuwende – unten treffen wir uns dann wieder und jeder hatte seinen Spaß. Bei Pausen- und Nahrungsaufnahme- bedürfnissen (Radler + Cappu + Kuchen) haben wir eine 100% Übereinstimmung, und das Belohnungsweizen nach erfolgreichem Tagespensum steht ohnehin außer Frage.

Wenige verstehen es wie er, Kritik unverzüglich und unmissverständlich, aber niemals demotivierend oder gar beleidigend zu äußern.

Im weiteren Verlauf der Tour darf ich zwei Platten (glatte Durchstiche!) auf mein Pannenkonto verbuchen, was mich angesichts der extra fett gewählten Reifen etwas ärgert. Dies ist jedoch harmlos im Vergleich zu zwei „Zwischenfällen“, bei denen Udo der Hauptakteur ist. Jene bringen ihn kurzzeitig etwas aus seinem Grundzustand, welcher sich durch gute Laune und väterliche Ruhe definiert. So bleibt die Abfahrt vom Monte Grappa ein weißer Fleck in seiner Tourenlandkarte. Der ist es aber unbedingt wert, mal nachgeholt zu werden. Potential ist also da, würde mich freuen, wieder was gemeinsam mit dir, lieber Udo, zu unternehmen!

(*) Gschafteln: vermeintlich wichtige Beiträge anderer zu vermeintlich wichtigen Themen durch eigene, vermeintlich noch wichtigere Beiträge ergänzen

Prolog

Tag 1 – 13.07. – Late-Night-Ride-Prolog

Schwaz – Piller – Weerberg / 9km, 48min, 315hm

Ach du Scheiße. Der eMail-Button blinkt und die Nachricht drängt sich förmlich durch das Kabel auf den Monitor. Der Betreff des Deutschen Wetterdienstes hätte unzutreffender nicht sein können: „Unwetter. Gegen 15 Uhr soll es losgehen“, steht dort schicksalsschwanger geschrieben in mehr oder minder großen Lettern, auf jeden Fall aber fett gedruckt. Der folgende Hinweis, dass mein Browser keine eingebetteten Frames anzeigen kann, tangiert mich zunächst nicht weiter, kann ich doch das angefügte Bild wunderbar erkennen. Ein Bild auf dem man nichts erkennt, vor lauter Sturm und Niederschlag und damit verbundener Gischt. Ein Bild, auf dem sich hinter einem grauen Schleier aus Regenfetzen die Bäume nur so biegen. Na bravo, um 16.00h ist ja auch unser Alpencross-Starttermin angesetzt.

Der Wetterdienst informiert in eben jener eMail wunderbar in der gebotenen Sachlichkeit:

„Landkreis – Die vom deutschen Wetterdienst bereits prognostizierten Unwetter für den heutigen Mittwoch beginnen bereits früher als erwartet. Die Rosenheimer Hagelflieger (!) rechnen damit, dass es etwa ab 15 Uhr „kracht“. © Alexander Ester. Weiter heißt es unter der Rubrik Service: Gewarnt wird vor schweren Sturmböen mit Geschwindigkeiten über 90km/h. Die Unwetterwarnung ist gültig für Mittwoch, 13. Juli, 12 bis 22 Uhr. Die Warnung galt zunächst für Lagen über 1500 Metern und höher, doch auch im Tal ist – glaubt man der Rosenheimer Hagelwehr – mit heftigen Gewittern zu rechnen. Der O-Ton Georg Vogel, Landratsamt Rosenheim lautet: „Achtung: vereinzelt können Bäume entwurzelt und Dächer beschädigt werden. Achten Sie auf herabstürzende Äste, Dachziegel oder Gegenstände.“

Herrlich. In den nächsten zwei Stunden brechen wir zu unserem Alpencross auf. Schlappe 60km südlich von Rosenheim. Biker, was willst Du mehr? Starten und sofort die Chance auf tieffliegende Ziegel nutzen. Ganz davon abgesehen, dass man von der ersten Minute an sein gesamtes Regenequipment nutzen kann und nach der knappen Stunde Fahrzeit hinauf nach Weerberg entweder erschlagen wurde oder komplett bis auf die Goresocken durchgeweicht ist. Vielen Dank lieber Crosser Gott. Vielen Dank. Das nenn ich mal ein richtig cooles Timing für meinen Jubiläums-Cross Numero 10.

jährliche Routine

Monte Grappa. Diesen Floh hatte uns Ralf Glaser ins Ohr gesetzt. Der Autor von „Via Migra“ (Mittenwald-Grappa) hat uns seinem gleichnamigen Buch alle Tour-Optionen präsentiert – das Menü zusammenstellen konnten wir selbst.

Martin, mein diesjähriger Mitstreiter zeigt sich in der Mailkorrespondenz relativ stoisch. Es hilft nix, meint er, und wenn alle Stricke reißen, dann müsse man halt Plan B aus dem Rucksack zaubern. Recht hat er, der Martin. Es hilft wirklich nichts. Unser Zeitfenster ist im wahrsten Sinne des Wortes von Terminen umgeben. Heute arbeiten bis 16 Uhr und eine Woche später bitteschön, keinen Zug versäumen, weil Folgetermine verbindlich verzurrt sind. Pünktlich war die Ansage von Martins lieber Frau. Irgendwie klang das ultimativ.

Meine Tochter (der ich eingangs zitierte, unheilvolle Email zu verdanken habe) ist pünktlich. Sie grinst etwas unsicher, hilft beim Einladen und soll uns eben mal schnell zum Startort shuttlen. Martin wird vom Bahnhof Raubling abgeholt und er begrüßt uns standesgemäß: in der kompletten Regengarnitur. Der Wolkenbruch habe ihn kurz vor dem Münchner Hauptbahnhof erwischt. Das Thema „Nässe“ ist also für ihn schon mal durch.

18 Uhr. Schwaz Ortsrand. Zugegeben, eine etwas unorthodoxe Uhrzeit für einen Alpencross-Start und im Wortsinn tatsächlich ein reinrassiger Prolog. Der Himmel ist wolkenverhangen, unsere Stimmung überraschend übermütig. Wir sind wild entschlossen und optimistisch. Die Straße ist nass grau, aber – immerhin – es regnet nicht. Im Juli war es sicher schon mal wärmer in Schwaz. Knapp 10 Kilometer, gut 300 Höhenmeter bis zum Gasthof, den wir im Vorfeld reserviert haben, um die ohnehin schon deftige Tagesetappe am morgigen Donnerstag wenigstens etwas zu entschärfen. „Alexandra, Lieblingstochter groß, vielen lieben Dank, komm gut heim – auf bald, ich muss los“ …. ein Bussi, einmal Drücken, Winken, Abfahrt. Sie mit dem Auto, wir mit unseren frisch geputzten Bikes.

„Martin, gib mir Fünf, auf Los geht’s los. Ich freu mich auf den Cross.“ Martin grinst unnachahmlich breit, scheint ebenfalls bereit. Kurzer Rucksackcheck und das obligate „Was hast Duuu denn alles dabei?“ dann steigen wir in die Pedale mit bangem Blick gen Himmel.

Alpencross Nr10 hat begonnen. Draus donnert und kracht es gewaltig. Schwere Unwetter im Anmarsch! Soviel sei verraten, bis zu unserer Herberge schaffen wir es trockenen Fußes und bester Laune – das Abendmahl verlief entspannt und es gab nur ein Thema: die vor uns liegende Woche.

Adresse des Tages: Landgasthof Schwannerwirt, Theresia Streiter, Mitterberg 59, A-6133 Weerberg, Telefon: +43(0)5224 68 5 68, Fax +43 (0) 5224 – 67 6 58, gasthof@schwannerwirt.com, www.schwannerwirt.com

Tag 2 – 14.07. – Der Mann-mit-dem-Hammer-Tag

Weerberg – Loassattel – Hochfügen – Pfundsalm – Sidanjoch – Rastkofelhütte – Penkenjoch – Wanglalm – Vorderlanersbach – Ginzling – Gasthof Breitlahner / 69km, 7:10h, 2847hm

Wecker. Die Schaltzentrale ist aber noch nicht ganz auf Sendung. Unbekanntes Bett. Sekunden später dann das interne Update: Cross 2011 – Monte Grappa wartet auf uns. Unwetter. Verdammt. Was ist mit dem Unwetter? Da war noch eine Rechnung offen, nachdem wir gestern trockenen Fußes und völlig unerschöpft unsere Herberge erreichten wurde die Parole ausgegeben: je mehr es in der Nacht kachelt, desto weniger ist davon am anderen Morgen über. Der Vorhang in unserem Doppelzimmer trennt uns von der klärenden Wahrheit. Die Wahrheit kann manchmal grausam sein und so ist es auch jetzt: dunkle, graue, böse Wolken stehen am Horizont. Die Straße ist frisch geduscht, der Wind ist eher kühl als lau – wobei das zu dieser nachtschlafenden Uhrzeit noch nichts heißen muss.

Vorschlag: Frühstücken, dann weitersehen. Wenn Dachziegel fliegen, einfach nochmal hinlegen. Wir haben ja gestern einen gewaltigen Vorsprung für die heutige Tagesetappe herausgefahren. Die hoteleigenen Nachrichten im Gasthof Schwanner melden: 85% Regenwahrscheinlichkeit. Willkommen im Hier und Jetzt. Hunger. Hunger haben auch die 120.000 Fliegen, die uns fröhlich um die Ohren fliegen. Hier ist die Natur noch unberührt und authentisch. Dem leckeren Frühstück tut dies keinen Abbruch, wir stärken uns, haben doch so viel vor heute. Während der Vesper verzieht sich der Grauschleier halbwegs und es scheint, als das wir ohne Kapuze starten können. Abmarsch. Rucksack-Check, Luftdruck, GPS Geräte online schalten, Track aktivieren. Jetzt geht’s loo oos. Ein Traum.

Aufwärts. Schon ein nach ein paar Kilometern das erste Highlight, ein winkeliger Waldtrail inmitten von sattem, dampfendem Grün, die Wurzeln mit etwas Vorsicht zu genießen, der Lehmboden ist jedoch schön griffig so führt uns dieser Weg wellig in Richtung Loas-Sattel. Wir haben – allen Vorhersagen zum Trotz – beste Laune. Eine bislang weitgehend unbekannte Biker Freundschaft und doch, frei nach dem Motto „ich hab ein gutes Gefühl“, stimmt die Chemie und auch das Tempo, fahrtechnisch kann ich von Martin sogar noch was lernen.

Heute haben wir volles Programm. Knapp 3000 Höhenmeter müssen wir abarbeiten, über 3300 wären es gewesen, wenn wir den Prolog auf die ganz frühen Morgenstunden dieses Tages gelegt hätten. Tja, das mit dem Prolog gestern war easy. Heute spürt die Wade: das könnte knapp werden. Immer wieder zeigen uns kleine Rampen, dass dies keine Spazierfahrt und schon gar nicht eine lockere Tagesetappe ist. Locker ist ohnehin das falsche Wort, denn nun setzt leichter, aber doch penetranter Nieselregen ein.  Ich habe es geahnt. Weit kann es nicht mehr sein bis zur Gamsstein-Alm. Das Höhenprofil macht Hoffnung auf diese erste vor uns liegende Rast. Nicht mehr weit. Die Enttäuschung folgt auf dem Fuße: ein handgemaltes Schild verrät unmissverständlich: „Geschlossen!“. Die Tür lässt sich jedoch öffnen und im Vorraum stehen schätzungsweise 128 Paar Schuhe, kleinere Größen, ziemliches Chaos. Das Aroma ist eindeutig dem Schuhwerk zuzuordnen. Ein Wunder geschieht, die Pforte öffnet sich. Der junge Held im Türrahmen guckt uns schief an, nuschelt etwas Ähnliches wie „wir san koa Wirtschaft“ und schlägt die Tür unvermittelt zu. Wir stehen da wie bestellt und nicht abgeholt. Sekunden später erbarmt sich die Herbergsmama und gewährt uns Einlass, bietet uns sogar einen dampfenden Kaffee an. Genau das richtige im Moment. So langsam erwacht das Leben in der Hütte. Circa 128 wilde Kids stürmen den Gastraum. Wir mittendrin und unsere Klamotten, die wir vorsorglich zum Trocknen überall ausgebreitet haben. Viel Halli und Hallo bevor wir uns zur Weiterfahrt rüsten. Wir sind noch lange nicht überm Berg. Es regnet. Es ist kalt. Es ist einfach kein Wetter zum Crossen.

Rein in die Montur, alle Schotten abdichten, Handschuhe an, Helmmütze dazu und weiter auf die Spur. Wir befinden uns in der totalen Einsamkeit. Nebelschwaden dampfen die Berghänge hinauf, die Stollen rutschen über nasses Gestein, die Almweiden leuchten in intensivstem Nassgrün. Nächster Halt: Loassattel. Gut 100m nach der Gamssteinhütte ist dieses Etappenziel erreicht. Abgehakt, und gleich hinunter nach Hochfügen, vorbei an den Bauexzessen des Wintertourismus. Und schon geht es einerseits immer steiler, andererseits immer unwegsamer dahin. Inmitten dieses nieseligen Nebelmeeres stehen wildromantische Berghütten – jedoch ist bis auf einen einsamen Wanderer niemand bei diesem Sauwetter draußen unterwegs. Wir kämpfen uns tapfer voran. Ein Flusslauf wird durchquert, die Nässe ist mittlerweile akzeptiert. Die vor uns liegende Bergflanke ist schier unfahrbar, auch wenn es Martin ansatzweise immer wieder versucht. Das vom Dauerregen frisch getränkte Gras putzt unsere Schuhe und tränkt die Beinlinge. So langsam fängt es an mühsam zu werden. Äußerst mühsam. Dies sind die Momente, bei denen sich der Crosser immer wieder die Frage stellt: warum tue ich mir das eigentlich an?

Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten, als wir nach Querung des Bergsattels über das Sidan Joch einen verblockten Trail hinunter zur Rastkogelhütte der Sektion Oberkochen auf 2124m rollen. Durchnässt, verfroren, aber happy, die erste (!) richtige Rampe des Tages gemeistert zu haben. Brotzeit und warmer Tee bitteschön. Noch keine 25 Kilometer liegen hinter uns. Immerhin schon ein Drittel des Weges haben wir ohne zu meckern gemeistert. Doch Petrus hat für heute keine anderen Pläne mehr. Egal. Hunger und Durst wollen gestillt werden. Maslow lässt grüßen. Frisch gestärkt, aber mit Respekt vor dem restlichen Tagesprogramm gehen wir wieder in die Spur.

Nächster Halt. Das Penkenjoch. Also wieder runter auf ca. 1400m, um dann gleich wieder hochzukurbeln. Plan ist Plan.  Leider sieht man die Bikehandschuhe vor den Augen nicht und so kurbeln wir einige Höhenmeter im Error Modus verkehrt hinauf.  Der Weg hinauf zum Penkenjoch beginnt zunächst moderat, bäumt sich dann aber immer steiler auf. Zu guter Letzt bleibt uns nur noch: schieben, schieben, schieben – selbst für Martin, der vor jeder Rampe furchtlos Gas gibt. So geht es eine Weile dahin, mittlerweile hat sich auch der Regen wieder hinzugesellt und so kurven wir durch Pfützen und Kuhfladen und Nebelbänke hinunter nach Vorderlahnersbach, dem nächsten markanten Halt. Freunde, Spaß definiert man anders. Wir haben inzwischen über 2000 Höhenmeter abgekurbelt und sind noch nicht am Ziel, wenngleich die Dämmerung schon so langsam einsetzt und auch der dampfende Cappuccino an der Tanke uns nicht wirklich mehr erwärmen kann. Martin kauft eine FAZ, jedoch weniger um sich kulturell und intellektuell auf dem Laufenden zu halten, sondern vielmehr – alter Rennradlertrick – um seinen Brustbereich trocken zu halten.

Suppenbiken

Endspurt, Kumpel, jetzt noch die ca. 500 Höhenmeter auf Asphalt nach Breitlahner und dann schnell was essen, die Schwimmhäute trocknen lassen und einen gerechten Schlaf herbeiführen. So quälen wir uns auf der kurvigen Passtrasse hinauf in Richtung Schlegeisspeicher und irgendwie will sich der Genuss heute nicht mehr einstellen. Kurbelumdrehung um Kurbelumdrehung, Windung für Windung geht es hinauf …. um es abzukürzen: Kurz nach 20 Uhr, manch einer geht da schon ins Bett, erreichen wir den gemütlichen Berggasthof, gieren geradezu nach einer heißen Dusche und einer kohlehydratreichen Nudelspeise. Alle Klamotten werden im Trockenraum drapiert und beim finalen Weißbier kommen wir sogar mit Bikern ins Gespräch, die uns aus der virtuellen Welt im Xing kennen. Noch ein paar Notizen und dann fallen wir in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Adresse des Tages: Gasthof Breitlahner, Fam. Kröll, A-6295 Ginzling, Dornauberg Nr. 7c, Tel.: +43 5286-5212, Fax.: +43 5286-5346, E-Mail: breitlahner@aon.at, www.breitlahner-zillertal.at

Tag 3 – 15.07. – Rainy Day

Gasthof Breitlahner – Schlegeisspeicher – Pfitscherjoch – Fußendrass – Wiesn – Mauls – Rain – Franzenfeste – Schabs – Rodeneck / 85km, 5:55h, 1620hm

Vielleicht hätte ich vom Wetter träumen sollen. Von weißblauem Himmel, von milder, lauwarmer Luft, von Windstille und genialen Bedingungen. Vielleicht wäre dieser Traum dann in Erfüllung gegangen. Hab ich aber nicht. Und der Blick hinaus offenbart unbarmherzig: selbst wenn ich davon geträumt hätte, es bliebe ein Satz mit „X“. Das Wetter ist nämlich schlichtweg schlecht. Immerhin kein Regen, aber es dampft noch richtig, der Nebel wabert um uns herum und irgendwie ist es auch noch nasskalt. Smiley mit der Klammer nach unten. Frühstücken. Ausgiebig.

Martin ist frohgelaunt, er lässt sich nicht unterkriegen. So satteln wir mehr oder weniger optimistisch motiviert unsere Bikes und machen uns auf den beschwerlichen Weg zum Pfitscher Joch, doch zuvor müssen wir erst mal den Schlegeisspeicher passieren. Gleich nach der Mautstation zweigen wir auf die MTB Strecke ab und sorgen gleich für warme Oberschenkel. Es ist immer noch trocken, aber grau in grau und kühl. Von Weitblick keine Rede. Ein paar kleine Trails säumen den Weg, 3 Biker mit Hardtails und Minigepäck ziehen an uns vorbei und im Nu sind wir auf der imposanten Staumauer des Schlegeisspeichers. „Unsere“ Xing Truppe ist schon mit der Brotzeit fertig – die Hand zumGruße, ein wenig frotzeln und „man sieht sich oben“. Kurze Einkehr, ein Stück Kuchen für zwei und weiter geht’s.  Der Einstieg ins Wandergebiet ist nur mäßig frequentiert, dafür zeichnet wohl die Nebelküche verantwortlich, hat aber den Vorteil, dass das Wanderer-umfahren-in-Schlangenlinien entfällt und wir nur um die dicken Steinbrocken zirkeln müssen. Auch heute hat Martin wieder klar das Ziel: eigentlich müsste alles fahrbar sein. Die Kulisse ist grandios. Nebelschwaden, tiefhängende Wolken, links und rechts die Bergflanken, sofern erkennbar. Noch trocken. Klarer Fall: die Helmkamera muss raus. Wir queren Bachläufe, lupfen, nehmen Anlauf, und kommen gut voran. Weitgehend fahrbar, relativ eben geht es dahin, doch die Prüfungen werden mit jedem Meter anspruchsvoller. Kurzweilig ist das richtige Wort. Die Kamera hält alles fest. Der Weg hinauf ist zwar mühsam, aber aus Crosser Sicht einer der schönsten und klassischsten Varianten. Sozusagen ein Muss. Bei schönem Wetter erst recht. Theoretisch.

Praktisch ist es mittlerweile so, dass aus dem Nebel eindeutig Niesel wurde und wir die letzten 200 Höhenmeter über den sehr losen und groben Schotter nur schwerlich vorankommen. 13.30 Uhr am (Zwischen)Ziel Pfitscher Joch Haus auf 2276m. Die Einkehr haben wir uns verdient, „unsere“ 7 Biker aus dem Xing sind schon oben und haben offensichtlich beste Laune. Wir ordern Stärkung in fester und flüssiger Form. Nehmen selbige ausgiebig und genussvoll zu uns, bevor wir den Rucksack komplett plündern und uns schließlich warm und regenfest zur Abfahrt rüsten. Ich checke vorsichtshalber drei Mal, ob ich auch wirklich alle sieben Sachen beieinander habe, um den Fauxpas aus 2002 nicht zu wiederholen, als ich etliche Höhenmeter retour kurbeln musste, nur um die vergessenen Handschuhe vom Ofen zu holen.

Die Abfahrt hinunter nach Fussendrass ist genial. Am genialsten ist jedoch, dass sich die Wolken – offensichtlich von unserem fulminanten Fahrtwind motiviert – langsam beiseite schieben und zaghafte erste Sonnenstrahlen am Firmament zu erblicken sind. Klasse. Wir kacheln talwärts und genießen jede Kehre, vereinzelt entspringen uns glücksselige, jodelähnliche Jauchzer. So soll es sein. Crossers Glück.

„Unten“ angekommen, darf erst mal wieder gestrippt werden. Man glaubt es kaum, aber es wäre sonst zu warm, also wieder alles retour in unseren Lastenträger. Weiter führt der Weg über sanfte Wiesenhänge, kaum nennenswerte Steigungen, aber umso mehr ländlich, romantische Bergdörfer am Wegesrand, wir durchqueren den vielsagenden Ort Rain und blicken zurück auf den mächtigen Berg, in den wir gerade eben noch einen Schlitz gezogen haben. Breites Grinsen, einmal abklatschen. Nun machen wir, nachdem die Entscheidung gegen einen weiteren optionalen (aber sehr, sehr beschwerlichen) Anstieg über das Pfunderer Joch gefallen ist, noch ein paar obligatorische Tageskilometer und etwas an Höhe bis zum Etappenziel Rodeneck. Vorbei an der Brennerautobahn geht es zum Teil mit 37km/h dahin und so gelingt es uns erfolgreich vor der nächsten dunkelgrauen Wolkenfront, die sich in unserem Rücken gebildet hat, zu flüchten.

Die Kirchturmuhr in diesem beschaulichen Ort mit eigener Burganlage schlägt achtzehn Mal, als wir im Gasthof Rodenecker Hof anschlagen. Keine Minute zu spät. Die überdachte Terrasse bietet idealen Schutz. Einerseits vor dem sintflutartigem Regenguss, aber auch davor, dass unser wohlverdientes Weißbier nicht zu sehr verwässert. Wir grinsen abermals sehr breit und halten diesen genialen Moment als Bild- und Tondokument digital fest.

sunny moments

Wir werden herzlichst versorgt und bewirtet. Das 4-Gänge Menü bringt frische Stärkung, es bleibt fast kein Platz für die Nachspeise. Meine Muskeln und die Hüfte knirschen während der Nacht ein wenig und so ist der Schlaf nicht ganz so tief und segensreich wir üblich, aber egal: wir sind mittendrin in unserem Cross, wir sind selig und happy. Tour und Team: perfekt.

Adresse des Tages: Rodenegger Hof,Fam. Klöcker Markus, Vill 1 A, I – 39030 Rodeneck, Südtirol/Italien/Dolomiten, Tel. 0039 0472 454 245, Fax 0039 0472 454 319, info@rodeneggerhof.com, www.rodeneggerhof.com

Tag 4 – 16.07. – Punkt 16h – Wolkenbruch Tag

Rodeneck – Bushaltestop Zumis P – Roneshütte – Rastner Hütte – Jakobsstöckl – Wiesnalm – Glittner Seen – Col Dalle – Lüsner Joch – Maurerberghütte – Würzjoch – Göma – Campill – Juvel – Badia – La Villa – St.Kassian / 61km, 6:02h, 1754hm

Wenn alle Tage so anfangen würden, dann wäre es ein Traum. Frühstück umfangreich & königlich, Wetter zumindest halbwegs stabil, die dunklen Stellen auf den Straßen wandeln sich langsam in ein helleres Grau, der Wolkenvorhang scheint, als ob er sich demnächst öffne und somit einem strahlendem blau Platz macht und – ja, ich gestehe – unsere erste Etappe ist maximal 500 Meter lang. Bis zur Bushaltestelle. Ja, ja, schon richtig gelesen: B-u-s-h-a-l-t-e-s-t-e-l-l-e ! Wie jetzt? Alpencross und Bushaltestelle? Ja, logo, wer ein wenig auf der Genussseite unterwegs ist, der lässt es auch mal zu, knappe 900 Höhenmeter und fast zwei Stunden Fahrzeit einzusparen. Wir haben ja schließlich noch genug vor heute und überhaupt, hatten meine Muskeln letzte Nacht etwas rebelliert. Also die paar Meter runter zum Feuerwehrhäuschen in Rodeneck, den Bus abwarten, die zuvor organisierte Almcard herzeigen und schon geht der Shuttle (3,50€) auf unzähligen Kehren hinauf zum Zumis Parkplatz. Ist doch wunderbar komfortabel. Zumal: der Teerstraßen Uphill scheint nicht sonderlich spektakulär und ist aus fahrtechnischer Sicht eher „reizarm“.   Ein mitreisendes Crosser Pärchen verschont uns während der Busfahrt nicht mit ihren Szenen aus einer Ehe – wir schmunzeln. Der Bus erreicht das Plateau, Ausgangspunkt für zahlreiche Wanderer – auf 1720 Meter über Meereshöhe. Wir fackeln nicht lange, Eheberatung soll doch jemand anders machen, Rucksack hoch und in die Pedale. Das GPS Gerät weist den Weg.

Wir folgen dem Track und dem Schotterweg, der uns in das weitläufige und wunderschöne Wandergebiet lockt. Zunächst ist alles recht harmlos, leicht bergan, für Crosser nicht wirklich überraschend. Das Schotterband noch recht breit und unspektakulär, aber schon nach wenigen Kilometern wechselt die Kulisse von „normal-schön“ ins traumhafte. Der Blick über die Almwiesen und die Kulisse dahinter flankiert von sattem Grün und halbwegs stabilen Blau macht Laune, wir ziehen vorbei an der Starkenfeldhütte und so langsam wird aus dem beschaulichen Wanderweg eine beschwerlichere Streckenführung. Es wird „wiesig“, es wird „beulig“, es wird enger, es wird steiler, es wird auch mal ein wenig verblockt und bockig. Martin trotzt den Elementen und strampelt sich die Plomben aus den Zähnen …. doch, wie so oft im Leben: der Krug geht so lang zum Brunnen, bis er bricht, oder konkreter auf AlpX Jargon gebracht: der Biker probiert solang die Steigung, bis er kapituliert. So geschieht es, dass auch er mal schiebt und wir somit immer wieder gemeinsam auf „Augenhöhe“ oben ankommen. Jungspund trifft auf Erfahrung. Es hätte stundenlang so weitergehen können, die Landschaft ist perfekt, eine Komposition der Elemente, von allem etwas. Wir grooven mittendurch und plötzlich öffnet schon der erste Trail des Tages, kurz nach dem Astjoch seine schmale Spur. Wir folgen konzentriert und doch euphorisch.

Flopp. Die kleine beschauliche Wieseralm setzt diesem Highlight ein Ende. Grinsend klatschen wir kurz ab, ein einvernehmlicher nonverbaler Blick und die Sache ist klar: Boxenstopp. Wetter stabil, die wenigen Wolken, die ab und an die kräftige Sonne etwas bremsen, machen uns keine großen Sorgen, der Cappuccino lenkt uns davon viel zu sehr ab. Noch lange nicht am Tagesziel, also heißt es dann doch zügig: auf zur nächsten Flanke. Lüsner Joch, so der Name auf unserer Routenplanung. Auch hier frohlockt nach kurzer Schiebepassage über den Wiesenhang ein weiterer Traumtrail bis zur Mauerberghütte.

Von nun an heißt es wieder mal: Mund zu, sonst bleiben die Fliegen an den Zähnen kleben. Es geht abwärts, satt und kernig hinunter zur Touristenhochburg Würzjoch (1987m). Es ist bereits früher Nachmittag, als wir von schräg oben die Passstraße am Würzjoch berühren und inmitten der modernen Zivilisation stehen. Motorräder, Rennradler, große Busse, kleine Busse und natürlich jede Menge PKWs und Wohnmobile. Ein ziemlicher Auflauf, Wanderer allerorten, insgesamt ein ziemlich großes Gemenge und – wenn man bedenkt wo wir gerade herkommen – alles in allem überhaupt nicht kongruent mit unserem aktuellen Stimmungsbild. Das ist einerseits sportlich geprägt und hat vor dem geistigen Auge eine in sich ruhende Natur- und Bergkulisse und kein von Motorenlärm und Touristengewabbel getränktes Unruhezentrum. Nun denn … wir haben schon einige Meter in den Knochen, ein Power Riegel schadet nicht, also, einen Streifen am Rande der Hektik wählen, und dem Treiben mit buddhistischer Gelassenheit zusehen. Brrrrummm Brruuummm.

So vergessen wir über unsere Milieustudien hinaus ein wenig die Uhrzeit und übersehen wohl völlig die sich aus dem Westen heranbrauende schwarze Wolkenfront. Scheiße. Noch bevor einer von uns beiden einen „Not Stopp“ Knopf drücken kann, klatscht der erste dicke Tropfen schon auf den Oberarm. Alarmstufe. Und so erkennt nun auch der aufmerksamste Beobachter, dass sowohl der Motorradlärm verklungen ist (alle weg) und die wenigen restlichen Touris vom Parkplatz ins nahegelegene Gasthaus geflüchtet sind. Nur die restlichen (chancenlosen) Wanderer, die quasi von der Bergtour kommend die letzten Meter ungeschützt sind, traben im Galopp an uns vorbei, nicht ohne dabei einen ebenso leicht irritierten wie verständnislosen Blick auf uns zu werfen, weil wir in stiller Übereinkunft Helm und Rucksack aufgesetzt haben und genau entgegengesetzt – also bergauf – zum Spurt ansetzen. Es scheint so, als ob wir die falsche Richtung gewählt haben. Doch auf uns wartet weder ein Autobus geschweige denn ein kuscheliges Wohnmobil und auch eine Kneipe hilft uns jetzt nicht wirklich weiter. Es kachelt. Wir schaffen ein paar hundert Meter, dann geben wir – schon ziemlich durchnässt – auf. Ich flüchte unter einen Baum, fünfzig Meter unter mir sucht Martin unter einer Art Gestrüpp Unterschlupf. Da stehen wir nun wie begossene Pudel. Die restliche Welt joggt im Dauerlauf, Tüten oder Jacken schützend über die Köpfe haltend hinunter in Richtung Würzjoch und auch wenn die meisten Kommentare italienischer Natur sind: die Übersetzung wird wohl in allen Fällen heißen: Scheiß Wetter.

Das Blätterwerk über uns hält natürlich nicht dicht. Also schauen wir uns gegenseitig bei unseren Bemühungen zu, wie wir den Rucksack abermals um das gesamte Rain-Equipment erleichtern, um schließlich das vor dem Nass schützende Material auf die nasse Haut aufzubringen. Ganz schön doof. Die Operation Regenschutz ist vollzogen. Es kachelt immer noch, die abwärts laufenden Wanderer werden immer weniger, anstelle ihrer ist nun ein sattes dickes Rinnsal getreten, das den Weg hinunter nochmals nachzeichnet. Von Hellgrau weit und breit keine Spur. Ey, scheiße.

Über die fünfzig Meter Distanz macht Kommunikation auch nicht wirklich Sinn, also gebe ich Martin ein Zeichen, das soviel wie „Aufbruch“ heißt. Macht ja keinen Unterschied, ob ich nun im Stehen nass werde oder fahrend. Fahrend gewinne ich wenigstens ein paar Meter dazu. Zudem hat der Uhrzeiger die 16 schon längst überschritten und wir sind noch lange nicht dort, wo wir sein sollten.  Also rauf auf den Sattel. Die nächste Hütte kann ja nicht sooo weit sein. Martin folgt mit etwas Abstand, wahrscheinlich genauso mürrisch wie ich. Insgeheim wünsche ich mir einen LKW, der uns aufnimmt, eine trockene Kabine hat und ein Handtuch bereithält. Träum weiter, Udo.

Wir schaffen es, total durchnässt, bis zur urigen Munt de Fornella Hütte auf 2067m. Die ist jedoch so klein, dass weder ein Platz auf der notdürftig überdachten Terrasse geschweige denn im inneren Kern zu haben ist. Also nehmen wir eine Art Lagerraum, der aufgrund der offenen Tür eher zugig ungemütlich als wärmend gemütlich ist, aber besser als nix. So stehen wir eine Weile da wie begossene Pudel. Es ist kalt. Es ist nicht schön. Gar nicht schön. Während sich mein Kopf zermartert, wie wir wohl am besten ins 40km (ca. Luftlinie) entlegene St.Kassian gelangen könnten, wird der Regen latent schwächer. Wir entscheiden uns – mangels wirklicher Alternative – zur Weiterfahrt. Auch wenn die Feuchte von oben fast völlig versiegt, von unten ist noch genug geboten. Auch der nun folgende Trail wäre ein Gedicht, wenn das Wörtchen wenn nicht wär. Armdicke glitschige Äste, Pfützen wie kleine Seen, dicke rutschige Steine machen die Fahrmanöver zum Zirkel- und Schlingerkurs. Zu allem Überfluss gibt es etliche überlebende Wanderer, die das trockene Zeitfenster nutzen und wieder die Flucht zum Parkplatz angetreten haben. So hangeln wir uns mehr recht als schlecht vorwärts, bis sich – na immerhin – nochmals eine Alm in den Weg stellt. Wir überlegen nicht lange, kehren nochmal auf einen Express Cappuccino mit Kuchen ein. Die Klamotten werden im gesamten Raum drapiert, der Wirt sieht geflissentlich darüber hinweg.

Nach diesem Boxenstopp gibt es kein Pardon mehr. Wir müssen weiter. Nur wenige Meter nach der Alm, zeigt uns der Berg, der er kein Mitleid hat. Ein steile Rampe in Richtung Gömajoch bäumt sich auch und am Fuße selbiger ist unser Ehe-Pärchen aus dem Bus von heute Morgen zugange. Fluchend. Er zetert und pfeffert wie Ekel Alfred in besten Zeiten. Diesen Ralf Glaser solle man auf den Mond schießen, das sei doch keine Alpencross Tour, das sei eine Zumutung. Seine Frau trollt sich, einige Meter Sicherheitsabstand, schweigend hinter ihm. Wir schieben vorbei, obwohl auch wir innerlich nicht auf dem Höhepunkt unserer Guten-Laune-Möglichkeiten sind. Der Berg spuckt uns oben aus und nach kurzer winkeliger Abfahrt offenbart sich ein riesiges Gebiet umrahmt von den gewaltigen Ausläufern des Ortler und Peitlerkofel. Im Logbuch ist später der Eintrag von einer scheinbar unbezwingbaren Dolomiten-Wand zu finden. Auch der mittlerweile trockene Zustand tröstet nicht darüber hinweg, dass die dunkle Wand dort drüben östlich schon wieder bedrohlich wirkt. Mann, ey, das es „m-a-l“ regnet ist ja akzeptiert, aber von „immer“ war nicht die Rede.

Wir pedalieren tapfer weiter, es geht bergan, an der grimmigen Flanke vorbei, nur noch dieser steile Anstieg, dann sollten die finalen 400 Höhenmeter gemäß Track kommen. Track? „Herrschaft, Maardin, der Träck ist wäck“ rufe ich dem fünf Meter vor mir fahrenden Piloten zu. Der stoppt abrupt, sucht seinerseits den Track und meldet: „Scheiße, stimmt“. Roadbook, Karte, GPS Check …. es hilft nix. Richtung Schlüterhütte war verkehrt. Definitiv. Wir haben uns verfranzt und vor lauter Wolkenangst und Wand-Ehrfurcht die Schotterlinie für die einzig richtige gehalten. Das war falsch. Alles wieder retour, korrekterweise nach Campill. Dem Ehepaar nach, die waren zwar am Fluchen, sind aber wenigstens richtig abgefahren und nun schon viel weiter unten. Wir haben es wirklich nicht leicht, auch die Uhrzeit ist einmal mehr vorangeschritten, wir haben noch einen Waldbuckel über das Juveljoch und ein paar Restkilometer über Abtei und La Villa nach St. Kassian. Es geht flott hinunter, und der frische getränkte Weg verrät, dass es während unserer Umwegschleife hier abermals gekachelt haben muss. Alles hat was Gutes. In Campil erkunden wir uns nach dem allerkürzestes Weg nach St.Kassian, um zu erfahren, dass es mit dem Bike nur einen einzigen gibt, der aber …. die italienischen Antwortgeber sprechen den Satz nicht aus, aber der Ausdruck im Gesicht zeigt deutlich: die halten uns für bekloppt. Wir grüßen freundlich und ziehen weiter, obwohl unsere Schenkel alles andere als begeistert sind. Irgendwie überwinden wir, müde aber konsequent auch diesen Waldberg. Sogar ein kurzer Smalltalk mit einem rumänischen Südtiroler (kein Witz), der hier mit seinem VW Bus und mit Kletterausrüstung campiert geht uns noch locker von den Lippen.

Final bleiben die letzten 200 Höhenmeter von La Villa bis St.Kassian zermürbend, und doch, wir beißen uns vorwärts. No mercy. Es geht schon irgendwie vorwärts, auch wenn die Motivation langsam einbricht. Kurz darauf Anschlagen am besten Haus am Platz. Zwei Weißbier bitteschön, keine Fragen. Nur dasitzen und doof gucken. Nichts anderes werden wir die nächsten 30min machen.

Der Abend verläuft wunderbar. Mit bestem Appetit und Laune lassen wir uns von den jungen Kellnerinnen die größte Kassian Pizza kredenzen die es gibt und anschließend, nach etwas Kartenstudium und kopfschüttelndem Rückblick ob dieses durchnässten Tages geht es in die Heia. Tief und fest und verdient.

Adresse des Tages: Lüch da Pćëi – Apartments Bed & Breakfast, Str. Pecei n°17, I-39030 S.Cassiano/St.Kassian (BZ), Val Badia – Dolomiti – Alto Adige/Südtirol – Italy  (Bozen), info@luchdapcei.it, Tel. +39 0471 84 92 86, Fax +39 0471 17 22 024

Tag 5 – 17.07. – Hammer, Hammer, Hammer, Traumtrailtag

St.Kassian – Folzarego – Cinque Torri – Pesui – Coi – Alleghe / 43km, 3:28h, 1283hm

Es ist hell. Sonne. Nicht wirklich, oder? Na immerhin ein bisschen. Neuer Tag, neues Glück. Wir frühstücken königlich und es geht uns bestens. Was will Crosser mehr?

Freunde, ich verrat Euch was. Heute war ein Hammertag. Ein Tag wie diesen wird es bestenfalls auch morgen noch gegeben haben, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Doch an einem Tag wie heute, da werden kleine Helden geboren, oder vielleicht auch gezeugt, da passiert was ganz besonderes. Da gibt es Highlight Garantie. Ich hab das beim Aufstehen nicht gespürt, aber ich hab es beim Schlafengehen an jenem Abend dann nochmal so richtig gemerkt. Das war der Hammer, dieser Tag.

Wir starten von unserem luxuriösen Domizil und schwenken recht bald auf den beschaulichen Waldweg ein, der uns zum Passo Valparola führen wird. Während wir uns so einradeln, ich bin ein paar Meter vorneweg, wird Martin von einem Biker gerufen: „Ey, sag mal, ist das da vorne nicht der Udo?“. Martin, leicht irritiert, bejaht und übernimmt eine kurze Vorstellungsrunde. Ja, so ein Zufall, er habe mein Buch gelesen und sei nun auch auf Crossers Pfaden unterwegs, wo wir denn hinwollten und überhaupt, ist ja toll, dass man sich mal so im Wald trifft. So klein ist die Welt. Wir schwatzen noch ein wenig dann zieht uns das unterschiedliche Tempo wieder etwas auseinander. Kurz darauf habe ich einen kapitalen Kettenklemmer (kkk), der uns zu einer Not OP auf dem Waldboden zwingt. Martin, so heißt auch der Solo Biker, schließt wieder auf und unterhält uns über den weiteren Verlauf der Streckenführung. Wir werden uns später nochmals begegnen.

Die Streckenführung vom Valparola zum Passo Falzarego ist nett, aber nun doch keine richtige Sensation (die sollte erst noch kommen). So nehmen wir links und rechts des Weges die Nettigkeiten wohlwollend in uns auf und haken auch den etwas schlammigen, aber reizvollen, Waldtrail aus unserem Vormittagsprogramm entsprechend pflichtbewusst ab. So dauert es nicht allzu lang, als wir an einem – für Crosser doch latent diskussionswürdigen – Anlaufpunkt sind: die Gondel hinauf zum Cinque Torri, Station Rif. Bain de Dones auf 1889m. Zielpunkt, zunächst auf 2229m das Rif. Scoiattoli. Ok, ok, wir sind, d.h. wir waren solche Weicheicher und haben die Gondelfahrt gebucht. Ja: wir haben ES getan. Aber: ich bereue nichts. Wir genießen den prachtvollen Ausblick auf die Dolomitenmassive und die einmalige Landschaft hier oben. Ganz fern dort drüben lassen sich kleine Punkte auf dem Cinque Torri ausmachen, jene fünf Felsen, die auf bis zu 2361m aufragen und eines der Highlights der Ampezzaner Dolomiten darstellen. Und wir mittendrin. Wow.

Um die Wandererschar hier oben etwas abzuschütteln machen wir uns schnellstmöglich auf den Weg und folgen dem Weg bergan. Zwischen den zwei mächtigen Felsen (Averau 2647m und La Gussela 2595m) „hindurch“ steigen wir auf ca. 2350m auf um dann in einem unendlichen Schotterfeld etwas unschlüssig zu werden. Wo geht’s lang? Halbrechts oder eher halblinks? Wir entscheiden uns für halblinks und begehen einen kapitalen Fehler. Es geht zwar hinab, aber die Piste ist einerseits extremst steil und andererseits extremst grobschottrig. Schwerstarbeit für Mensch und Maschine, insbesondere für unsere Bremsbeläge. Sogar die wenigen Wanderer hier tendieren zu einem Abstieg auf allen vieren. Es dauert zum Glück nicht allzu lang, da bemerken wir demütig, dass halbrechts besser gewesen wäre. Im Klartext: alles wieder zurück. Es mag einleuchtend sein, dass es nun steilst bergauf geht und auch der Vorgang des „Schiebens“ bei besagten Verhältnissen alles andere als eine Quell der Freude darstellt.

Wir wuchten uns also quasi vertikal nach oben. Sogar einen Moment lang bin ich in der Versuchung, die unten frohlockende Passstraße in meine Überlegung der Wegführung mit einzubeziehen. Der Schweiß rinnt, aber er rinnt im Wissen, dass es gleich dort oben hinab gehen wird. Fix und Foxi erreichen wir den Sattel, da kommt Solo-Martin daher und klärt uns auf, wo es lang geht. Wohlgemerkt, der gute Mann hat keinen Tacho, keine Karte, KEIN GPS Gerät dabei. Er ist eine fleischgewordene Landkarte. Zitiert nahezu jeden Winkel und lässt uns teilhaben an seiner ganz persönlichen Wegführung, die er vor Jahren schon mal abgefahren ist. Chapeau. Wir hören geduldig zu und geben dann das Zeichen zum Aufbruch. Es sieht so aus, als ob wir nun dort halbrechts runter müssen. Und das, was wir da sehen, lässt die Augen leuchten, das Herz hüpfen und die Endorphine überborden. Hach.

Freunde, ich mag das nicht beschreiben. Es ist und war so was von intergalaktisch superklasse, dass jede Steigerungsform als kümmerlich angesehen werden muss. Was nun folgt – so der O-Ton aus meinem geschmierten Logbuch – geht in die Geschichte als „unbeschreiblich“ ein. Wir packen die Helmkamera aus, wir machen ein imaginäres „fasten seat belts“, wir klicken ein, wir schalten auf „groove“Modus. Wir sind die glücklichsten Männer auf Erden – right now. Die Uhr, so werde ich später recherchieren, zeigte beim Start 13.45h … dazwischen steht im Logbuch nur die annähernd halbwegs treffende Adjektivierung in dick und fett: „super-spitzen-ratten-flitze-mega-mächtig-ultra-scharf, ja bist du narrisch?“ und dann steht da noch „Ende 15.24h.

Fast zwei Stunden epischer Sinkflug über alle Wegbeschaffenheiten, die ein Cross zu bieten hat. Hammer. So ein Tag, so wunderschön ….. na gut, das ist eine etwas andere Gesellschaft. Zunächst schottriger Trail, der dann in Wiesenboden übergeht, um weiter durch etwas sumpfiges Gebiet, um schließlich auf sanftem Waldboden auszugleiten. Der Wahnsinn in Spurform. Flow pur. Flow satt. Es ist und bleibt unbeschreiblich. Lieber Leser. Mögest Du diesen episch gewordenen Traumtrail fahren, in Dir aufsaugen, wann immer es Dir in Deinem Bikerleben vergönnt sei. Das wäre der perfekte Junggesellenabschieds-Trail oder der ultimative Trail zu einem Geburtstag jeder x-beliebigen Jahreszahl. Egal. Hauptsache fahren. Der gehört einfach in jede Sammlung. Untopbar. Tun, nicht träumen.

Während wir so hinunter fliegen und die Kamera einige Gigabyte an Daten sammelt (http://www.youtube.com/watch?v=Mksf8J01_DM), ist der Geist frei von jedwedem Ballast. Es ist einfach nur ein Gleiten, eine Art Schwerelosigkeit, wenngleich eine sehr konzentrierte. Es ist einfach nur schön. Fast zu schön. Kurz bevor es zu „schön“ wird … kündigt sich auch schon prompt die Teerstraße an, ein kurzer Schwenk nach links und das „normale“ Bikerleben hat uns wieder.  Stünde ein Shuttletaxi am Wegesrand: ich würde sofort nochmals hochshuttlen und ES wieder tun. So schön.

So schön, dass ich fast vergesse zu erzählen, dass Martin mit seinem fetten 2,4er Maxxis und seinem 300g Schlauch tatsächlich einen ordentlich Platten produziert hat. Künstlerpech. So stehe ich geschlagene 15min im Unterholz mit der Kamera im Anschlag um eine Schlüsselszene mit Brücke perfekt ins Bild zu bekommen. Aber Martin kommt nicht. Irgendwann kommt er dann doch, die Hände schön verschmiert.

Eigentlich selbstverständlich, dass wir nun einen Einkehrschwung machen. Es ist allerbeste Kaffeetassenzeit. Die nächste (Motor)Bikerkneipe lässt nicht lange auf sich warten, gleich rechts an der Passstraße SP251, der Via Tie in Richtung Villa Grande, liegt ein nettes kleines Kaffee mit Dachterrasse und prächtigem Blick gleich auf der Route. Wir genehmigen uns was kühles Blondes. Der Rest ist Formsache. Den restlichen Berg noch hinab, in Villa Grande scharf rechts hinunter, ein paar Serpentinen nach Caprile und dann auf der langen Geraden am Torrente Cordévole entlang in den Ortskern nach Alleghe, wo schon ganz berühmte Biker ihr Ohr aufs Kissen gelegt haben. Es ist kurz vor 17 Uhr als wir beim legendären Hotel Alleghe einchecken und uns auch dort auf der überdachten Terrasse nochmals den Genüssen des Lebens hingeben. Der Tag war einfach zu aufregend. Apropos „regend“: über uns braut sich was Ordentliches zusammen, es ist tiefdunkelgrau. Und zwei Minuten später wird der Torrente seiner Wortbedeutung gleich gerecht werden: Torrente = Sturzbach. Es kachelt, was das Zeug hält. Wir haben dafür nur zwei Handlungsmuster: breit grinsen (überdacht!) und ein kräftiges „Salute“. Glück gehabt. Darf auch mal sein.

Der Abend im beschaulichen Alleghe verläuft unspektakulär und ohne weitere besondere Vorkommnisse, sieht man von den zwei Kumpels am Nachbartisch einmal ab, die in einer Lautstärke kommunizieren, die ein Fischverkäufer in Hamburg nicht einmal kurzzeitig hervorbringt. Nun denn, wir führen fleißig unser Tagebuch und machen noch Feintuning für die morgige Etappe.

Adresse des Tages: Hotel Alleghe, Fam. Rudatis, Corso Italia 21, 32022 Alleghe, Tel +39 0437 523 527 . Fax +39 0437 523 539, alleghe@dolomiti.com, www.hotelalleghe.com

Tag 6 – 18.07. – Der „Auf-die-Schnauze-Tag“

Alleghe – Cencinigh – Falcade – Rif. Flora Alpino – Passo San Pellegrino – Col Margaritha – Passo Valles – Baita Segantini – Passo Rollo – S Martino / 60mkm, 5:43h, 2133hm

Frühstück in altehrwürdigen Mauern. Hier saßen schon Gary Fisher und Mr. Ritchey und Heerscharen von TransAlp-Challengern an ihrer Müslischale mit weichen Knien oder harten Oberschenkeln, je nach Motivationslage. Unsere Lage ist ausgezeichnet. Der Regen hat sich halbwegs vom Acker gemacht, wir sind satt und ausgeschlafen, unschuldig wie die Lämmer, können kein Wässerchen trüben, nur Kilo- und Höhenmeter sammeln. Was will Mann mehr?

Wir starten mit den üblichen Verzögerungstaktiken. Unseren Bikes hatten wir am Vorabend noch einen ordentlichen Service in der hoteleigenen Kellerwerkstatt gegönnt. Irgendwie hab ich das Gefühl, die Naben warten ganz gierig auf Vortrieb. Sollen sie haben. Die nächsten 9 Kilometer geht es erst mal bergab. 200 Höhenmeter vernichtet, dafür sind wir nun in Cencenighe Agordino. Nun warten 23 Kilometer und 1565 Höhenmeter am Stück auf uns. Langsam mit den wilden Pferden – eines nach dem anderen. Zuerst Falcade, dann das Etappenziel Numero eins: das schön gelegene Rif. Flora Alpina, dass wir uns aber erst über einige Wald- und Graswege erkämpfen müssen. Kurze Rast. Zeitgleich mit uns landen zwei Biker auf der Terrasse mit traumhaften Bergpanorama und Weitblick inklusive. Wir fachsimpeln ein wenig und freuen uns gemeinsam auf den nächsten geplanten Gondelaufstieg am Passo San Pelegrino (1830m). Satte Vorfreude … immerhin sind wir zwar auf Alpencross, aber wer tüchtig „trailt“ darf auch mal den Anstieg etwas süßer gestalten. Dachten wir.

Am Fuße des mächtigen Marmolada strampeln wir vorwärts, die Vorfreude auf einen stressfreien Anstieg im Bauch, bis zum Passo Pelegrino ist es nicht allzu anstrengend und so surren wir den Teer hinauf. Die Gondelstation am Gipfel, steil oben, stet im Blick. 14 Uhr Funiva – Seilbahn. Geschafft. Doch irgendwie herrscht hier überhaupt kein Verkehr. Der Parkplatz ist leer und auch die Absperrzäune im Eingangsbereich wären bestenfalls verständlich, wenn der Andrang unbeherrschbar wäre. Kleine dreisprachige Schilder klären uns auf: „PER MANUTENZIONE STRAORDINARIA CI SCUSIAMO PER IL DISAGIO“ – soll heißen: Seilbahn closed, aber man entschuldigt sich für die Unbequemlichkeit. „Unbequemlichkeit“ … ey … das sind 550 Höhenmeter auf gerade mal 4km. „Unbequem“, haste Worte? Darf nicht wahr sein, da radelt man gemütlich über die Berge, macht einen Plan, teilt sich seine Kräfte ein und freut sich diebisch auf über fünfhundert gesparte Höhenmeter um im zweiten Drittel des Tages zu erfahren: nee, nee, is nich! Entschuldigung, dass es unbequem wird, Dein dich umsorgender Gondelbetreiber, der ausgerechnet heute „extraordinary“ Wartungsarbeiten durchführen muss. Heute. Nein, nicht gestern, nicht morgen: HEUTE. Martin und ich schauen uns tief in die Augen, zucken resigniert mit den Schultern und machen uns auf der sommerlichen Skipiste auf den Weg hinauf. Steil und – ja ganz richtig – unbequem.

Bonushöhenmeter praktisch. Aber es hilft nichts, wo wir hin müssen, haben wir ja die ganze Zeit im Blick gehabt. Steil hoch. Im Winter fährt es sich hier sicherlich ganz bequem hinab … per Bike andersrum sieht das anders aus. Egal. Hoch. Die Schweißtropfen fließen, die Wadeln brummen beleidigt vor sich hin. Meter um Meter kämpfen wir uns vorwärts. Das wenigste ist fahrbar, nur wer übermotiviert ist, versucht sich am Geröll. Je mehr wir an Höhe gewinnen, desto traumhafter wird das Panorama. Der Wahnsinn. Oben pfeift ein mächtiger Wind, aber der Ausblick entschädigt. Wir sind Helden – kleine wenigstens im Vergleich zu den umliegenden Riesen um uns rum.

Nun warten knapp 9 Kilometer göttliche Abfahrt auf uns (650Höhenmeter) … erst auf breiten Schotterautobahnen, dann in einen lieblichen Trail übergehend. Kamera positioniert, einklicken, auf geht’s mit lautem „Juhuuu“ vorbei am idyllischen Lago di Cavia (2100m). Man muss schon sehr darauf achten, in der Spur zu bleiben, zu verlockend das Panorama um uns rum einzusaugen. Der Track führt uns hinunter zum Passo Valles. Die Abfahrt ist berauschend und die Endorphine strömen aus. Sollen sie nur. Vorbei am Rif. Valles geht es kurz darauf auf die Asphaltstraße, die uns hinunter sausen lässt bis auf 1700m.

Dann ist wieder mal Schluss mit lustig und wir verlassen den Hauptweg, fahren links und nehmen die Spur zum Passo Rollo auf. Es geht auf leichtem Schotterweg, moderat, später etwas knackiger bergan. Die Sonne scheint. Liebe Bikerin, lieber Biker, was soll man machen, wenn auf 1824m eine rustikale Alm zur Einkehr „zwingt“. Soll man sich wehren, das Schöne ignorieren, an sich vorüberziehen lassen? Nein. Die „Malga Venegiota di Tonadico“ ist genauso gemütlich wie sie klingt. Also, Freunde, kurzer Boxenstopp, schließlich müssen wir beim Endspurt zur Baita Segantini (2200m) gestärkt sein.

etwas wackelt er …

Es klingelt heute noch in meinem Ohr, als Martin ganz relaxt während des Hochkurbelns über die Schönheit des Alpencrossen sinniert und mir sein ganz persönliches Fazit von diesen Metern kredenzt: „Udo, weißt Du was? So hab ich mir immer Crossen vorgestellt“, sagt er, leicht schnaufend aber augenscheinlich völlig mit sich im Reinen. Ja, so ist crossen. Wir sind inmitten einer wunderbaren Berglandschaft, das Schotterband vor uns schlängelt sich freudestrahlend den Hang hinauf, wir hinterher. Gigantisch wäre jetzt kein unpassendes Wort. Auch als die letzte S-Kehre passiert ist, lassen wir uns von aufkommenden Erschöpfungsgefühlen nicht einschüchtern. Zu schön das alles. Wir genießen den Ausblick gleichermaßen innig wie den Blick zurück. Sehr hoher Happiness-Score im Moment. Nur noch 7 (!) Höhenmeter bis zur kleinen, aber feinen Baita Segantini verrät das letzte Wanderschild der Tour 234. Die machen wir mit links. Oben angekommen gibt es abermals Glücksmomente. Wir halten inne. Rundumblick. Fototime. Genuss. Stille. Freude. Herrlich. Alles gesagt.

Ok, Finale nun. Kurzer Blick auf die Uhr. Schon wieder 18.00 Uhr, wird Zeit, dass wir mal eher am Hotel anschlagen. „Martin, auf geht’s, talwärts.“ Bremsen los, und schon knistert der Untergrund im wunderbar romantischen Abendlicht. Wir der Sonne entgegen. Nach kurzer Rollzeit, gilt es eine Entscheidung zu treffen. Sie sollte fatal sein. Entgegen meinem Bauchgefühl („Junge, es reicht, bleib auf der Straße“) sage ich zu Meister Martin „Also na gut, dann fahren wir halt den Trail“. Es hätte mich so gereizt den Schlitz in den Asphalt zu fräsen. 18.10h, wir schwenken ein in die Graslandschaft. Buschig, narbig, lehmig, von ein paar Spalten durchzogen. Ein 20cm breites Lehmband führt hinunter, immer wieder tun sich Kamelbuckelhohe Schwellen auf, man muss vorsichtig zirkeln. 18.12h scheiße, verdammt, eine Sekunde nicht aufgepasst, mein Reifen ist einen Zentimeter zu weit rechts, die Seitenflanke hält nicht mehr stand, der Vorderreifen greift ins Leere und sucht 20cm tiefer wieder die Haftung. Dieser Tauchgang kam zu abrupt, mein Gewicht schwappt nach vorne, der Rucksack will am Helm vorbei und bevor ich auch nur ansatzweise über die unzufrieden- stellende Gesamtsituation nachdenken kann, gehe ich kopfüber ins Gemüse. Volle Kanne auf den Lehmpfad, Mund und Kinn zuerst, dann Helm und Körperreste …. Scheiße. „Maaaartinnnn“.

Zehntelsekunden später ist die erste Körperreaktion die der Zunge. Sie sucht vorsichtig tastend die Zähne in der Mundhöhle … fein säuberlich wird einer nach dem anderen abgefragt: „noch fest?“ …. Die Inspektion geht zögerlich vonstatten, das Ergebnis ist befriedigend. Alle noch drinne. Dennoch wird es mir warm um den Mund. Blut fließt, die Lippe klafft ein stückweit offen. Martin, mittlerweile kreideweiß bei mir, ist entsetzt und auch etwas hilflos. Später wird er mir verraten, dass sein erster Gedanke „ja, das war´s dann wohl“ war. Wir machen Notversorgung, Tempotaschentücher stoppen den Blutfluss, beruhigendes Zureden soll einem evtl. Schock vorbeugen, ich selbst motiviere mich damit, dass ich noch lebe. Scheiße aber auch. Hätt ich mal den Asphaltschlitz gezogen. Exakt 14minuten später gehen wir wieder auf die Spur. Hilft ja nix, einen Hubschrauber anfordern wäre doch etwas übertrieben und jetzt heulen bringt auch nix. Also, Sattel ganz weit runter und vorsichtig die restlichen Grasbeulen plattfahren. Martin voraus, ich etwas zaghafter hinten nach. Ab und an einen Schlatzen Blut auswerfend. Kurz darauf sind wir schon wieder auf jener Asphaltstraße, die eigentlich meine bevorzugte Wahl gewesen wäre. Bevor wir weitere Experimente machen, steht fest: Direttissima nach St. Martino. Zeit für ein Hotel, und auch ein Arzt wäre nicht so verkehrt. Wir kacheln talwärts. Nur noch 9km und gute 500Höhenmeter, dann ist die Rettung da. Das GPS wird mir später verraten, dass wir auch hier nochmals auf 71km/h beschleunigten, in langsameren Passagen hole ich unter der Lycra immer wieder mal das Tempotaschentuch hervor um keine rote Spur zu hinterlassen.

18.45h einchecken. Wo ist der Chef. „Chef, wir brauchen einen Arzt“ sagen wir erklärend mit dem Fingerzeig auf meine dicke Lippe. „Chef kommt später, Arzt am Ort hat aber Nachdienst, brauchen Sie ein Pflaster?“ frägt die mitfühlende Chef-Gattin. Wir werden umsorgt, aufs Zimmer geführt, sogar mein Rucksack wird mir getragen. Nett. Gegen 20 Uhr ist Abendessen geordert. So rechten Appetit will ich nicht haben. Dann kommt Meister Chef, packt mich in bestem Englisch und beherztem Augenzwinkern in seinen VW Bus. „Come on, lets go to the doctor.“ Na Bravo, Alpencross im OP Saal. Der Dotore ist ein junger lässiger Typ, der sich mit ein paar Sorgenfalten einen Überblick über die Situation verschafft. Er spricht von Antibiotika und Betäubung und von Auswaschen. Holt sein Skalpell, oder was immer das war heraus, spritzt 3x ein, autsch, und holt Nadel und Faden, nachdem er mit viel Alkohol und Tupfer die Wunde gereinigt hat. 3 Stiche und das Loch ist wieder halbwegs dicht. Das angebotene Antibiotikum lehne ich mit Hinweis auf die Eigenmedikation mit Arnica dankend ab. Der Doktor ist davon nur mäßig begeistert und übergibt mir die Verantwortung für mein Handeln. Ich rechne schon mit Wundstarrkrampf und sonstigem Übel, aber auch mit einer hohen Rechnung ob dieser ausländischen – von meiner Krankenkasse (mangels Auslandschutzbrief) wohl nicht finanzierten – Not-Nachtdienst Sonderaktion. Dotore macht es kurz und schmerzlos: 20 Euro bitteschön und ich darf gehen, solle aber aufpassen. Ein dickes weißes Pflaster prangt auf meiner Oberlippe. Noch mal Schwein gehabt.

So landen wir wieder im Hotel, die Chefin hat meine Speise warmgehalten, der Appetit ist nun etwas besser, nachdem die Sache „geklärt“ ist. Lippe dick, alles gut. Es hätte fast „a perfect day“ werden können. Fast. Es sollte noch dicker kommen.

Adresse des Tages: Hotel Paladin ***, Maurizio Paladin, Via Passo Rolle 253

I – 38054 San Martino di Castrozza (TN), Tel +39 0439 768 680, Mobil +335 6208 007, info@hotelpaladin.it, www.hotelpladin.it

Tag 7 – 19.07. – Der „Steinbrocken-near-miss-Tag“

S.Martino – Val Cigolera – Weg 352 – Valsorda – Goberra – Tatoga – Feltre / 71km, 5:30h, 1257hm / bzw. Martin: 67km, 6:45, 1600hm

Ich schrecke hoch. Die Nacht war etwas unruhig. Aua. Mein Mund. Was ist passiert? Wenige Sekunden trennen den träumerischen Zustand von der Realität. Meine Zunge geht wieder auf Spurensuche. Ich begrüße jeden einzelnen Zahn mit Namen, jeder grüßt stocksauer zurück. Die Wahrnehmung geht bis auf die Nerven. Da ist das Gebiss wohl doch ordentlich durchgerüttelt worden. Die Beißerchen sind beleidigt. Die Nase ist zwar nicht verbogen, aber wund. Die Lippe ordentlich fett dick. Ey, Mensch Udo, Grasnarbenkönig. Das weiße Pflaster verleiht mir einen karnevalistischen Schnauzbart, eine so called „Pornoleiste“.

Guten Morgen Martin. Der guckt mich besorgt an und hat auf seiner Stirn die bange Frage: „wie geht es heute weiter?“. Auf dem Programm steht ja eigentlich Kerniges. Heute ist der vorletzte Tag unserer Traumtour, die bis auf die paar Sekunden gestern und die Regentropfen im Vorfeld, ja wirklich superklasse war. Meine Moral hat wohl auch einen kleinen Sprung erlitten. Ich spüre meinen Knochen, die Hüfte hat einen ordentlichen Preller abbekommen, der Hals ist etwas ungelenk, ich spüre – mit Verlaub – meine ganze Fresse, auf die es mich gestern ja so ordentlich gelassen hat. „Martin, weißt Du was, wir machen Plan B. Ich unten-, Du obenrum, wenn es Dir nix ausmacht?“

Beim Frühstück verfeinern wir diesen Gedanken. Etwas außermittig schlürfe ich mein Müsli und den Cappo. Die Herrschaften des Hauses schauen mich etwas eigentümlich an. Mit meiner Pornoleiste und den Radklamotten mache ich wohl einen etwas komischen Eindruck. Manch einer grinst. Ok, der Plan steht. Udo nimmt die Waldautobahn, Martin sattelt 500 Höhenmeter und den Trail obendrauf. Goberra ist ein guter erster Treffpunkt. Ich werde mal zur Apotheke gehen, die verschriebene Wundheilsalbe Calendula kaufen.

Auf geht´s. Martin, gimme five, bis nachher, etwas schief grinsend mache ich mich auf den Weg.

Fünfgeben, Gute-Fahrtwünschen und nochmal zur Bestätigung „Wir treffen uns im Café in Gobbera“. Dann trennen sich unsere Wege. Da fährt er hin mit seinem Pflaster auf der Lippe – aus nachvollziehbaren Gründen setzt Udo heute auf die Weichei-Variante. Ralf Glaser hatte uns für den heutigen Tag mitgegeben: „Forcella Valsorda. Drei Ausrufezeichen. Außer es hat geregnet, dann Waldautobahn. Vier Ausrufezeichen. Bei Nässe ist das ein echter Bonebreaker. Kann man nicht deutlich genug vor warnen.“ Und geregnet hat es die letzten Tage ja immer wieder. Mal sehen.

Eine Forststraße mit eigentlich angenehmer Steigung führt hinauf zur „Forcella Tognola“. Da Udo aber „untenrum“ viel früher in Gobbera sein wird, gebe ich Gas.

Während Martin also hochkurbelt, ist es bei mir vergleichsweise unspektakulär. Ich fahre Wald. Toll. Meiner Lippe ist das zwar Recht, aber irgendwie leicht antickern tut mich das schon. Ist irgendwie so unehrenhaft. Trotz GPS Signal verfranze ich mich ein paar Mal an unklaren Y-Abzweigungen und sammle auf diese Weise zusätzliche Höhenmeter. Mein Fahrfluss stoppt abrupt. Eine Schafherde besonderen Ausmaßes kommt mir entgegen. Ich hab nicht gezählt, aber den Schäfer aus der Nachhut befragt: 434 Schafe, 1 Hund und insgesamt 2 Schäfer kamen da des Weges. Das dauert und das Geblöke ist nervig. Punkt 12 Uhr stehe ich in dem gottverlassenen Nest Goberra. Der Ort besteht aus wenigen Häusern und einer Baustelle.

Eine Stunde später sind 500hm / 7km bewältigt und ich freue mich auf den Abwärtstrail. Gleich am Anfang erwische ich allerdings erst mal den falschen Abzweig und muss mich dann durch Sträucher und Büsche abwärts kämpfen. Immer noch besser als umgekehrt. Der Weg ist immer wieder leicht verblockt, aber meine 2.4er Maxxis Ardent schlucken ordentlich was weg. An einige Stellen brauche ich aber doch den Fuß – na und!? Beim Alpencross und in völliger Einsamkeit (seit Udo keinen Mensch mehr gesehen!) mache ich keine Experimente. Nach 45 min enden 400 hm Sinkflug der angenehmsten Art an der Brücke im Val Sorda. Wieder nur kurz Pause, die nächste Steigung wartet schon ungeduldig. Inzwischen Nachricht von Udo – er ist schon in Gobbera, aber es gibt dort kein CaféJ. Wir vereinbaren, dass er noch den Abstecher auf den Monte Totoga macht, den wir eigentlich ausgeklammert hatten.

Der Anstieg zur Forcella Valsorda ist etwas steiler als der erste, so 14 bis 16% dürften es phasenweise sein. Von Ruhepuls keine Rede. Bei Annäherung an die Malga Valsorda – durch die der Weg alternativlos mittendurch führt – vernehme ich Hundegebell. „HühneraugeJ sei wachsam“ denke ich mir, insbesondere, da es sich offensichtlich nicht um eine einstellige Anzahl Hunde handelt. Zum Glück sind die Viecher eingesperrt und ich kann ohne Bißwunde passieren. Allerdings wird nun der Weg unerfreulich, nix mehr mit Fahren. Die Steilheit alleine wäre nicht das Problem, aber die Wiesenbüschel sind einfach kein brauchbarer Untergrund. Stand das so im Buch? Da hab ich wohl das Kleingedruckte überlesen…  Mein lautes Fluchen, welches in der Einsamkeit ungehört verhallt, verstummt erst auf den letzten Metern, die mit etwas Sturheit fahrbar sind. Nach einer guten Stunde sind also die zweiten 500 hm des Tages vernichtet. Da ein kühler Wind über die Passhöhe pfeift, fahre ich gleich ein paar Meter runter, bevor ich die verdiente Müsliriegelpause einlege.

Eintausend Höhenmeter Abfahrt stehen nun auf dem Programm! Anfangs moderat, wird der Trail bald steiler und „rüttelig“. Verblockte Passagen wie bei der ersten Abfahrt gibt es kaum – wenn man konzentriert fährt und den Lenker gut festhält, stellt die Strecke keine Schwierigkeit dar. Resümee: nette Abfahrt, aber das Prädikat „Traumtrail“ würde ich nicht vergeben – ich bin mehr geschüttelt als gerührt. So bin ich gar nicht unfroh, nun ein paar Meter auf ruhigem Asphalt nach Gobbera zu rollen. In unserem grenzenlosen Optimismus hatten wir ja zunächst vereinbart, uns hier in „einem“ Café zu treffen. Tatsächlich gibt es in diesem Ort genau EINEN Gastronomiebetrieb, und der ist gerade eine Baustelle. Aber Udo ist ja eh schon weiter, also nichts wie hinterher.

Powerbarpause in Goberra. Trinkflasche auffüllen. Martin kontakten. Der ist noch weit oben und kämpft mit Mutter Natur und derer willkürlicher Streckenführung. Ok, wenn schon lonesome Cowboy, dann halt konsequent. Wir vereinbaren am Monte Totoga einen erneuten Treffpunkt. Ich schwenke in genau diese Richtung ein. Es geht zunächst nur mäßig bergan, meine Lippe pocht etwas, aber im Grunde bin ich schmerzfrei. Es dauert nicht lange, dann kommt die von Mr. Glaser angekündigte „kurze Schiebepassage“. Von wegen kurz. Aus dem 20minütigen Eselspfad (O-Ton) wird eine 4zig minütige Ochsentour. Sausteil, zwingt mich dieser Buckel im Wald zu einigen Verschnaufpausen, das Bike von mir stoßend, kräftig pustend mühe ich mich Meter für Meter bergauf. Eine Familie kommt mir entgegen, schaut mich an, als ob ich vom Monde komme und nuschelt nur „ale, ale, duo ora“. Ey. Ganz oben am „Gipfel“ soll ein Bunker stehen. Das heißt, wenn ich meinen Zeitvorsprung nutze, kann ich den noch mitnehmen und hätte so wenigstens ein bisschen die Crosser-Ehre wieder hergestellt – aber nur, wenn es eben nicht die zitierten zwei Stunden bis zur Kreuzung dauert. Nach diesen vierzig Minuten spuckt mich der Wald auf einen wieder halbwegs fahrbaren Weg an einer Kreuzung aus. Hier wird später unser Treffpunkt sein. Ok, in die Hände gespuckt (soweit das Spucken mit der immer noch bepflasterten Lippe möglich ist), und hinauf zum Bunker. Etwas Sightseeing darf schon sein. Vor meinem geistigen Auge hatte ich ca. 2 Kehren, es waren derer mehr und die 300hm auf 3Kilometer waren tatsächlich mehr Mühsal als Glücksboten, Aber egal, immerhin: ich hab mich nicht unterkriegen lassen bin auch heute halbwegs im Plan. Der Bunker selbst ist nett, aber nicht sonderlich exponiert. Eingebettet auf einem Waldbuckel bietet er einen Blick weit hinaus ins wunderschöne Trentino, ein Gipfelerlebnis ist es hier oben aber nicht. Also gleich wieder runter und auf Martin warten.

Der Kiesweg Richtung Monte Totoga ist anfangs  sehr angenehm, wird aber schon bald unfahrbar steil. Einige Versuche, das Unmögliche möglich zu machen, scheitern, und treiben meine Herzfrequenz in Regionen, die eine Technoparty gut bedienen könnten. 20% + x sind bei diesem Untergrund nicht fahrbar und so folgen 30 Minuten, in denen sich mein Sattel freut, dass ich nicht auf ihm sitze. Dann geht es ein paar Meter runter bis zum Abzweig auf den Monte Totoga, wo Udo bereits wartet.

Perfektes Timing. Wir sind nahezu zeitgleich an der Kreuzung. Jetzt kommt der angenehme Teil, der natürlich zu zweit auch mehr Freude bereitet. Geteiltes Glück ist doppeltes Glück. 48 (!) Kehren warten auf uns. Ein Traum. Ich will schon durchstarten, da raubt mir Martin ein paar Sekunden. Mooooment, nur noch Helm aufsetzen.

Wir holzen hinunter, jeder für sich, jede einzelne Kehre genießend. Ich voraus. Nach etlichen Kehren drossele ich das Tempo um mit Martin wieder auf Augenhöhe zu sein. Kein Martin weit und breit. Ich warte. Zwei Minuten. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Kein Martin. Der Handyempfang ist auf einen wackelnden Balken im Display reduziert, irgendwann dringe ich durch und höre einen schwer schnaufenden und von Funklöchern durchbohrten Martin in die Leitung krächzen: Plattfuß. Uppsala, hat der 2,4er Downhillschlappen wieder mal seinem Namen alle Ehre gemacht und schlapp gemacht. Da lob ich mir meinen Nobby.  Ich warte.

Martin kommt, die Hände – wie immer – gescheit verschmiert. Grinsen. Ein Grinsen, dass mir kurz darauf vergehen sollte.

Eigentlich wollte ich schon fast solo die Kehren hinunter in Angriff nehmen und am Fuße des Monte Totoga´s auf Mr.Platt warten. Aber, einmal Team, immer Team, zumindest gegen Ende der Tour, wir waren heute schon genug getrennt. 20 Minuten später lösen wir die Brakes und lassen es wieder rollen. Kehre um Kehre durch eine scheinbar undurchdringliche Wand. Hammer. Irgendwo, es muss die Kehre 10 (1 ist ganz unten) gewesen sein, stoppt Martin sein Gefährt und starrt nach oben ins undurchdringliche Gebüsch.

Auf einmal höre ich deutliches Geraschel im bergseitigen Unterholz. Ist Udo von der Strecke abgekommen? Ich warte, alles klar, nach wenigen Sekunden Warten biegt er um die Kurve. Aber es raschelt weiter – für ein Reh viel zu intensiv – ich bin irritiert … ob  gleich eine Wildsau angerannt kommt??? Nein, ein Felsbrocken!!! Udo auf dem Kiesweg, von rechts der Fels … eine 3D-Blitzberechnung der zu erwartenden Wegstrecken beider Objekte unter Berücksichtigung von Wind, Temperatur und Luftdruck ergibt: AU WEIA, DAS WIRD ENG. „Achtung“ rufe ich, so laut ich kann und deute in Richtung des Bösen. Udo erkennt die Gefahr sofort und bremst …

Ich verlangsame mein Tempo, und höre noch wie er laut „Achtung“ ruft. Stoppe ganz, folge seinem Blick um nur noch wahrzunehmen, wie der dicke fette große Scheißstein von der Größe eines Bierkastens mir gemütlich entgegenrollt. So gemütlich, dass ich ihm dabei zusehen kann, wie er aus dem Wald ,auf den Boden und schließlich schwungvoll an – na wohin wohl? – MEIN Bike knallt. Peng. Ey.

30 Zentimeter weiter vorne und mein Knöcheln wäre Matsch gewesen. So war es „nur“ der Hinterbau. Immerhin. Von dort stoppt die Masse ihre Vorwärtsbewegung, verrückt das Hinterrad seitlich und fällt polternd auf meine Felge und Manteldecke. Ich blicke Martin entgeistert an. Der ist einmal mehr kreidebleich. Verdammter Mist. Noch 9 Kehren bis zur Zivilisation im weitesten Sinne. Inspektion des Schadens: es sieht gar nicht gut aus. Eigentlich sieht es verdammt gut aus. Kein Personenschaden, auch keine Lawine. Nix. Das war nur dieser eine einzige Solostein, der sich just genau in dieser Sekunde am 19.07.2011 seinen Weg durchs Unterholz suchen musste, um bei den GPS Koordinaten „N46 06.204 E11 45.224“ (Fakt) und um 15 Uhr 39 und 8 Sekunden bei mir am Hinterbau einzudonnern. Wumm hat´s gemacht. Hätte Mr. Mardin seinen Helm nur schneller (oder noch langsamer) aufgesetzt oder keinen Platten gehabt, die Geschichte wäre anders geschrieben worden. Wer weiß für was es gut war?

Corpus delicti

Alles im Eimer. Mal kurze Schadensbestandsaufnahme. Udo im Glück. Ey. Scheibe total verbogen, Mantel total zerfetzt, Schlauch geplatzt, Hinterbau mit dicker Delle, Felge mit einem ordentlichen Achter und eine Speiche ist ziemlich geknickt. Meine Moral auch. Das System kann nicht mehr fahren, nicht einmal mehr eiern. Frust macht sich breit. Warum eigentlich immer ich, frage ich, ohne jedoch eine Antwort zu erwarten. Martin ist ratlos, ich bin radlos.

Fakt ist, wir müssen runter. Wie auch immer. Ich lupfe den Hinterbau und laufe im Joggingtempo hinunter. Macht auch keinen Spaß. Ich schiebe fluchend vor mich hin, dass Hinterrad über den Boden schleifend. Auch keine Lösung. „Martin, halt, so geht das nicht“. Warte mal. Bike kopfüber, Tool und alle verfügbaren Utensilien ausgepackt. Kabelbinder, Ersatzschlauch, Gummistück, Zange, was man halt so hat. Beherzt biegen wir die Scheibe mit Handkraft wieder halbwegs gerade, sie schleift hörbar, aber zumindest macht das Rad jetzt wieder Umdrehungen. Der Mantel wird notoperiert. Gummistück auf die aufgeschlitzte Stelle, Schlauch rein, das ganze mit Kabelbinder (dem dicksten den ich hab) links und rechts fixieren. Alles etwas unwuchtig und noch immer eine Eierei aber zumindest blockiert das Rad nicht mehr gar so bockig. Aufpumpen, zusammenpacken, aufsatteln und die restlichen Kehren, wenn auch nicht im Endorphin-Speed, runter. Wir haben „nur“ noch knapp 27 Kilometer und 100 Höhenmeter, dafür aber „runtertragende“ 500 Abstiegsmeter bis zur rettenden Ortschaft. Na bravo.

Ich weiß nicht mehr genau wie, aber Fakt ist: wir haben es geschafft, mein System verliert immer wieder Luft, der Hinterbau ist eine einzige Affenschaukel, und die Kabelbinder sorgen für den steten Schlag nach oben. Auch die Vespa Werkstatt am Rande der Bundesstraße in einem Industrieviertel kurz vor Feltre kann uns nur notdürftig aus der Patsche helfen, immerhin können wir mit dem Hammer die verbogene Scheibe auf einem planen Eisen wieder halbwegs in die Ursprungsform zurückschlagen. Ich schwitze wie ein Schwein, irgendwie habe ich die letzten drei Stunden, so lange sollten wir für die 26km benötigen, überhaupt nichts von meiner Lippe gespürt. Die war ja auch noch da. Das Pflaster fiel dem Schweiß zum Opfer. Meine Güte, what a day. Wir checken in einem etwas angestaubtem Hotel ein und lassen uns den ordentlichen Appetit am Abend in der schönen Innenstadt nicht verderben. Morgen ist Finale. Wie, weiß ich noch nicht.

Adresse des Tages: Hotel Doriguzzi, Viale del Piave 2, I – 32032 Feltre (Belluno) Tel. +39 0439 2003 2902, Fax +39 0439 836 60 info@hoteldoriguzzi.it, www.hoteldoriguzzi.it

Tag 8 – 20.07. – Der „Untenrum-Tag“

Feltre – Cas. Fredina – Forcelletto – Mt Grappa- Vedetta – Fonte Alto – Basano / 54km, 2:52h, 470hm

Es könnte alles so schön sein. Meine Lippe habe ich halbwegs im Griff, Calendula tut einfach gut und lindert. Meine Moral wäre vorhanden, nur meine Hardware zickt ordentlich rum. Die Bremsscheibe würde halten, die Felge ist auch halbwegs fahrbar. Probleme bereiten immer noch der notreparierte Mantel und der aus dem Schlitz hervorquellende Schlauch, der provisorisch von strengen Kabelbindern in Schach gehalten wird, die Speiche wird schon nicht reißen. Wir frühstücken im Keller unseres Etablissements und beratschlagen über den weiteren Tagesverlauf. Die Wegführung wäre heute ultimativ anspruchsvoll. Für mein System nicht darstellbar, soviel ist schon mal klar. Irgendwie habe ich aber auch keine Lust mir in einem der 0815 Radlgeschäfte am Ort einen 1,9er Mantel mit Miniprofil zu kaufen. Ja, ich weiß, plausibel ist das nicht, aber irgendwie bilde ich mir ein, wenn schon Bassano del Grappa, dann im Originalzustand. Und sei es, dass ich auf einem Haxen dort einlaufe. Das ist zwar nicht heldenhaft, aber immerhin schaffe ich so den Weg aus eigener Kraft. Was bleibt uns also anderes übrig, als schweren Herzens die Entscheidung einer erneuten Trennung zu fällen. „Martin, du oben-, ich untenrum. Herrschaft.“ Ein Jammer. Ralf Glaser hatte uns eine Perlenschnur an Highlights versprochen. Andererseits: ich habe diese Woche auch was geleistet und bis Bassano „durchzukommen“ ist allemal ordentlich, egal ob oben- oder untenrum, mache ich mir Mut.

Wir starten nach obligatorischem Bikecheck an der Hotelgarage. Bei mir gibt es nicht mehr allzu viel zu checken.

Nach dem gestrigen „Steinschlag“ gehen bzw. fahren Udo und ich heute leider nochmal getrennte Wege. Zwar wird der Monte Grappa nicht unbedingt als Klassiker  gelistet, wenn man zum Thema Alpencross recherchiert, aber für reine Asphaltstrecke ist mir dieser letzte Alpencrosstag dann auch zu schade. Verabschiedung von Udo kurz nach Seren de Grappa, hoffentlich reißt seine Pechsträhne heute ab. Für mich geht’s zunächst auf Asphalt weiter, unspektakulär,  aber dafür ein Spitzensupersonnenwetter, wie es nach dem Unwetter von gestern Nacht nicht unbedingt zu erwarten gewesen wäre.

In Sera de Grappa trennen sich unsere Wege. Wehmut liegt in der Luft. Mach´s gut Kumpel, hau rein, denk an mich, nimm mich imaginär mit auf den Track, wir sehen uns, ich stell schon mal das Ziel-Bier kalt. Er radelt links, ich bleibe auf dem Hauptweg. Teer. Udo, Du Warmduscher. Es geht idyllisch über die Dörfer, ich passiere das gemütliche Arsié und anschließend den malerisch gelegenen Lage di Corlo, über den jene Brücke führt, die uns eigentlich auf den Track zu unserem Traumtrail gebracht hätte. Schniff. Auf den Trail zum Malga Vedatta. Udo, vergiss es. Einen kurzen Augenblick lang versucht mich Detlef zu verführen, ja, zu überreden. Komm doch, fahr halt, irgendwie geht es schon. Sorry, Kumpel, Vernunft obsiegt. Mit diesem Bike, diesen Bremsen und diesem Laufrad fahre ich keine abenteuerlichen Abfahrten mehr. So bleibe ich also auf der Wegführung in Richtung Incino. Ein kleiner Anstieg auf einer stillgelegten Straße, über mir bizarre Felswände und Steinschlagschutzzäune. Kann ich immer gut gebrauchen. Doch selbst der Steinschlagschutz hilft mir nicht. The story goes on. Ich habe völlig unvermittelt einen kapitalen Plattfuß. Am kabelgebundenen Hinterrad. Perfekt. Natürlich keinen Ersatzschlauch, wozu auch? Und auch kein Messer, um den Kabelbinder zu entfernen. Du Depp, Du. Wieder mitten in der Pampa. Der nächste Ort Cismon del Grappa einige Kilometer entfernt. Ich krieg noch Pickel.

Pumpen hilft nichts, hilft also nur schieben. Na bravo. Also schiebe ich. Gefühlte Stunden später bin ich am Ortseingang des verschlafenen Nestes. Die Hausfrauen am Straßenrand können mir nicht weiterhelfen, von denen hat wohl noch niemals eine ein Radgeschäft zur Rate gezogen. Das kleine Café einen Kilometer weiter hat zumindest ein Tape und eine Schere für mich. Ich versuche den Schlauch provisorisch zu flicken. Auf einmal kommt ein gut siebzigjähriger Mann in seinem Panda des Weges. Er sei der Mechaniker des Ortes und ich solle einsteigen. Ich schnappe mein Hinterrade, hinterlasse alles andere im Café und flitze in dem kleinen Panda von dannen. Im Hof des alten Mannes gibt es eine noch ältere Wellblechhütte, die wahrscheinlich schon im zweiten Weltkrieg dort stand. Im Inneren sind 10.000 Artikel, Schläuche, Mäntel, Schräubchen, Scheibchen, Speichen, Pedale, was man halt so braucht. Irgendwoher fischt der Signore einen 1,9er (ausgerechnet, aber man will ja nicht wählerisch sein) Mantel hervor, einen dazu passenden Schlauch und schwupp – hast du nicht gesehen erstrahlt mein Hinterrad in neuem Glanz, etwas schmal aber immerhin ohne Kabelbinder und sonstiges Gedärm.

Erst 18,5 km nach der Verabschiedung zweigt endlich der Kiesweg ab. 1100 hm liegen da schon hinter mir und ich gönne mir eine Pause. Der Weg führt mal leicht bergauf, dann wieder bergab, und gönnt mir so etwas Erholung. Am Rifugio Bocchette mache ich ein letztes Mal auf dieser Transalp die traditionelle Kuchen – Cappuccino – Radler-Rast. SMS von Udo, er ist in Bassano angekommen. SMS zurück: „bei mir wird es wohl noch dauern“. Ein Italiener spricht mich an und, nachdem er erfahren hat, dass ich Deutscher bin, erzählt er mir was vom Krieg und von Wehrmachtsuniformen und -Flaggen, die er zuhause hat. Ähem. Ich wollte eh grad weiter fahren. Das Thema begleitet mich aber, denn es geht nun auf einer alten Militärstraße aufwärts und eine Gedenkstätte liegt auch am Weg. Nach einiger Zeit im Wald schlängelt sich der Weg nun an der Bergflanke entlang,  rechts Fels, links geht’s steil runter. Unterhalb ist auf einer Art Hochebene die Ruine einer Kaserne zu erkennen und Wolken, die vom Tal heraufziehen, aber sich just hier auflösen. Malerisch. Steigung moderat, 10% plus/minus. Schöner kann Bergauffahren nicht sein. Welch ein passender Rahmen für den Finaltag! Die Strecke führt bis zum Parkplatz unterhalb des Monte-Grappa- Gipfels. Dieser Abstecher dient aber nur der „Trophäenjagd“, denn zum geplanten Abstiegs-Trail geht es dann 1,5 km auf gleicher Stecke zurück. Wer in Zeitnot ist, kann sich den Umweg sparen, wirklich spektakulär ist er nicht. Nach einer kurzen Pause soll es also runter gehen. Schon der Einstieg zum Abstieg lässt ahnen, was folgen wird. Die Stelle ist alles andere als durchweg fahrbar. Für mich jedenfalls nicht – auch heute keine Experimente! Dann folgt der Ritt auf einem Bergrücken – allererste Sahne. Aber kein Jubilieren im klassischen Sinne, denn dieser Trail hat es durchaus in sich, volle Konzentration ist gefragt, immer wieder Stellen auch im Bereich S2 bis knapp S3.  Auf Höhe der vorhin bereits erwähnten Kaserne ist der schwierige Teil vorbei. Aber es lösen sich immer noch die aus dem Tal aufgestiegenen Wolken in Fetzen auf. Eine mystische Kulisse. Genau zwischen den Wolkenfetzen beginnt nun ein knackiger Gegenanstieg, der mich auf schmalem Weg ca. 1,5 km entlang einer Felswand führt. Rechts geht’s runter. Senkrecht. Die Strecke ist anstrengend, aber derart grandios, dass mir die Worte fehlen. In einer Linkskurve wird der Blick auf die bevorstehende Trailabfahrt frei. Hui. Irgendwie hat man es geschafft, in einen extrem steilen Hang einen Weg rein zu meißeln.  Mir wird klar, was Ralf Glaser gemeint hat  mit „Da gibt’s ein paar Kehren, wenn du da drüber raus schießt, brauchst du dir über einen Rollstuhl auch keine Gedanken mehr machen“. Die verbleibenden Meter bis zur Abzweigung auf den 153er Weg sind nun moderat, mal leicht aufwärts, dann wieder ein paar Meter bergab. Dann geht’s los! Der 153er! Ein Traum von Trail! Mittelmäßig steil, durchgehend gut fahrbar, und wer das Versetzen des Hinterrades beherrscht, der kommt auch flowig durch die Kehren. Mir gelingt das nicht immer, aber das tut der Euphorie keinen Abbruch. Hinzu kommt, dass inzwischen keine Wolken mehr aus dem Tal aufsteigen – Sonne pur! Was für ein Finaltag! Rund 30 Kehren später wird der Weg langsam  breiter und führt noch einige Kilometer durch den Wald bergab bis Crespano del Grappa.

und Martin derweil so …

Der alte Herr shuttelt mich zurück zum Bike, ich spende großzügig für die Kaffeekasse und setze meinen Weg fort. Noch 26 Kilometer bis zum Ziel, es wird doch wohl nichts mehr schiefgehen? Udo, hau rein, nur noch ankommen, keine Experimente mehr. Collicello, Barbamano, Costa, San Marino, Valgadena, Sasso Stefanie, Mori, Londa, Zannini und wie sie alle heißen entlang des Flusslaufes Brenta. Es dauert nicht mehr so lange, da münde ich auf der vielsagenden Via Bassano del Grappa ein. Ich neige dazu, leicht zu grinsen. Auch wenn ich heute nicht wirklich Höchstleistung vollbracht habe, so bin ich doch am Ziel angekommen. Da vorne lacht mir auch schon das Ortschild entgegen. JA. Fotostopp. Beweisaufnahme. Dann über die imposante Brücke mit Blick auf den alten Ortskern und direkt den Weg ins Zentrum suchen. Das schönste Café am alten Marktplatz vis a vis des mächtigen Doms. Geschafft. Ich schließe die Augen. Innehalten. Was für eine Woche. „Signoria, una birra prego!“ Was für eine Woche.

Ab hier über wenig befahrene Landstraßen gemütliches Ausrollen bis Bassano. „Hotel Belvedere“ lautete die (SMS-)Ansage von Udo – dank der Routingfunktion des Garmin GPS ist jenes schnell gefunden. Ganz ohne Routing findet mein Bike in die Tiefgarage und ich aufs Zimmer. Bier aus Minibar, ab in die Dusche. Udo, ich bin fertig für den Finalabend!

Großes Hallo. Mensch Mardin, komm her, gimme five. Er, der Trailmeister kommt mit rund 1600 Höhenmeter Mehrleistung ins Ziel, er hatte auf der ganzen Tour zwei Plattfüße, die hätte ich auch gerne gehabt. Egal, heute Abend wird gefeiert, das haben wir uns verdient. Duschen, Ausgehkleidung an und auf geht´s ins Nachtleben von Bassano del Grappa. Was für eine Woche.

Bassano

Adresse des Tages: Bonotto Hotel Belvedere Bassano,  14, P.le G. Giardino, I – 36061 Bassano del Grappa (VI), Italy, Tel. +39 0424 529 845, Fax +39 0424 529.849, www.bonotto.it,belvederehotel@bonotto.it

Männerglück

Epilog

Die Nacht war italienisch. Wir waren essen, wir haben geprahlt, geprotzt, gelacht, geschmunzelt, haben aber auch ein paar nachdenkliche Momente eingefügt. So manches hätte noch mehr schiefgehen können. Es gab Pizza, Pasta, Eis, ein Bier, vielleicht waren es auch zwei, so genau lässt sich das nicht mehr recherchieren. Auch als wir vis á vis von unserem Hotel die gemütliche Bar entdecken, die vor schönen Menschen geradezu überzuquellen scheint (es ist Sommer in der Stadt!) hängen wir noch einen (oder zwei) Absacker mit dran und haben dennoch nicht das geringste Problem, dass uns der Gesprächsstoff ausginge, oder gar die „augale“ Nahrung.  Es ist, wie so oft: der etwas demütige Blick zurück im lauten Treiben einer Lounge am Zielort, die Memories, die Gänsehaut, die sich nur zu gerne auf den Oberarm gesellt, wenn Erinnerungen „hochpoppen“. All das ist eine Art von Mystik, etwas ganz besonderes, etwas Einmaliges … und das allerschönste: es kann Dir niemand mehr nehmen. AlpX 2011/1: geil war´s! Danke dafür.

seinerzeit: der zehnte

one more thing:

wer die Videos zur Tour sehen mag: bitteschön:

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*** © Udo Kewitsch – aus Liebe zum Crossen ***


1 Kommentar

Der ganze Wahnsinn auf einen Blick – Udo Bike Blog · 27. August 2020 um 18:00

[…] Die Story dazu –> hier. […]

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