Alles im Sack ? 8 Bikepacking-Seat-Packs im Test

Bikepacking liegt im Trend. Bikepacking macht dort Sinn, wo der Weg ins Gelände abzweigt und das System Fahrer/Rad/Gepäck mehr denn je eine kompakte und manövrierfähige Einheit werden muss. Die herkömmliche Sixpack Lösung (2 Taschen vorn, 2 hinten plus Lenkertasche und Rolle auf dem Gepäckträger) wird nunmehr durch moderne und wetterfeste Lösungen abgelöst. Der Vorteil liegt auf der Hand. Der Staumraum wird „ins Bike integriert“, der Schwerpunkt rückt näher an Mensch und Maschine und wir können beherzt ins Gelände – dorthin wo ein – neudeutsch – Overnighter auf uns wartet, ein sogenanntes Micro Adventure. In der vergangenen Ausgabe haben wir die angesagten Rahmentaschen getestet, nun setzen wir unseren Ratgeber mit acht Satteltaschen fort, die den Stauraum um doch beachtliche 10-15 Liter erweitern. Ein weiterer Test mit sogenannten Lenker-Rollen folgt.

Die Satteltasche wird idealerweise für Kleidung und/oder relativ leichtes, aber volumiges Equipment genutzt. Kleidung, ein dünner Schlafsack, Regenausrüstung, ein Tarp und ähnliches findet darin optimal Platz. Durch die schlauchartige Form ist ein gewisses „Stopfen“ vorgegeben, durch dieses Stopfen komprimiert sich der Inhalt aber wiederum stabil und gibt die Form vor. Charmanter Vorteil dieser zusätzlichen Stauraum Lösung ist, dass sie in der Regel ein Schutzblech weitgehend obsolet macht.

Die Satteltaschensysteme lassen sich in zwei Kategorien aufteilen. Die „Voll-Tasche“, d.h. eine unter dem Sattel fixierte (und demontierbare) Tasche oder ein sogenanntes Harness-System, welches eine Art Schale vorsieht, aus der ein entsprechend wetterfester Sack leicht entnommen werden kann. Die letztgenannte Lösung macht natürlich da Be- und Entladen etwas komfortabler, da nicht ständig an- und abgeklippt werden muss (sofern erforderlich/erwünscht).

Viele Modelle im Test überzeugen mit pfiffigen Details wie zum Beispiel zusätzlichen außen liegenden Spanngurten (Ortlieb), oder Ventilen (Blackburn) zur perfekten „Verdichtung“ im inneren, oder aber auch durch haptische Wertigkeit (Gramm) oder perfekt schnelle Montage (Apidura), Robustheit (Revelate Design) und eigenständige Optik (Salsa) und cleveres Design (Miss Grape).

Wie haben wir bewertet? Die vorliegenden Modelle haben geringfügig unterschiedliche Kapazitäten (Größenangaben im Testbrief). Die Größe ist kein testrelevantes Kriterium (manch Hersteller bietet gar unterschiedliche Größen an / Gramm, Apidura, Ortlieb, …). Neben dem Preis-Leistungsverhältnis beurteilen wir: Wasserdicht oder „nur“ wasserabweisend, Funktion der Materialien, vor allem aber die Montagfreundlichkeit und die Robustheit für den rauen Einsatz draußen, last but not leasst: die Ausstattung. Gibt es aussenliegende Bänder zum schnellen Verzurren, ist ein Ablassventil vorhanden, zusätzliche Riemen oder Schlaufen? Wie lässt sich die Tasche beladen, wie gut halten die Fixierungspunkte, schaukelt das System auf oder macht sich die Tasche perfekt dadurch bemerkbar, nicht bemerkbar zu sein? Im Ergebnis gibt es keine wissenschaftliche Ermittlung, sondern eine praxisnahe „Bike Adventure“ Empfehlung der Redaktion.

Grundsätzlich gilt natürlich auch: je größer das geplante Abenteuer, desto mehr Stauraum ist erforderlich, je kürzer der Trip, desto eher geht auch eine minimalistische Lösung. Die meisten Hersteller bieten daher unterschiedliche Modelle und Komplettsysteme an. Mit Satteltasche und Rahmentasche ist man für ein kleines Micro Adventure allemal perfekt gerüstet – egal ob man mit dem MTB, Fat- oder Gravelbike unterwegs ist. In der Infobox haben wir eine weitere Auswahl der bekanntesten Anbieter zusammengestellt. Deren Websiten geben sehr gut Auskunft über die gängigen Systeme. Ein sehr schöne Inspiration bietet auch die englischsprachige Website www.bikepacking.com.

 

Ortlieb – der wasserdichte Riese

Ortlieb ist berühmt für Wasserdichtheit. So auch im Falle der grauen Satteltasche mit den pfiffigen orangen Spanngurten. Da bleibt wahrlich alles trocken. Die Tasche gibt es in zwei Größen (M und L) – im Test überzeugte die L-Version durch ihr riesiges Ladevolumen, welches sich aber im Bodenbereich doch deutlich verengt. Clevere Lösung: um eine Verwechslung der Klick-Verschlüsse zu vermeiden (Sattelgurt vs. Spannriemen) hat Ortlieb einfach unverwechselbare Größen verwendet. So ist eine Fehlbedienung ausgeschlossen. Die Seat Pack verfügt über ein Ventil, welches die Luft entweichen lässt und den Packraum wirklich verdichtet. Darüber hinaus sind die oben liegenden Spanngurte sehr praktisch. Nur in schiefergrau mit den mittlerweile Ortlieb typischen orangen Riemen erhältlich macht die Tasche an jedem Radtyp eine gute Figur. Prüfen sollte jeder Anwender, ob er wirklich die sehr groß bauende Variante in „L“ benötigt, die bei Überladung dazu neigt „durchzuhängen“. „M“ dürfte daher für viele Anwendungen ausreichend sein.

Ortlieb

Salsa – die puristisch Praktische

Salsa ist Kult. Auf vielen Ebenen. Auch für die Packtaschenserie der Amerikaner gilt dieser Anspruch. Die Exp-Saddlebag der Bikemanufaktur aus Bloomington ist eine schlichte Schönheit. Sehr puristisch und schlicht im Design, jedoch in der Anwendung durchaus praktisch. Straps und Haken sind solide und die Montage geht gut von der Hand. Das Material ist 100% wasserfest und die Spanngurte an der Oberseite äußerst praktisch, ebenso das Entlüftungsventil, wenn sich die Tasche beim zusammenrollen zu sehr „aufbläht“. Obenliegende Gummibänder ermöglichen auch den Transport und schnellen Zugriff außerhalb der Tasche. Ein Ventil macht den hermetisch dichten Beutel im Wortsinn „luftdicht“ und komprimiert den Packraum zuverlässig.

Salsa

Apidura – überzeugend und solide

Die Apidura überzeugt auf ganzer Linie. Perfekter Zugriff, ein sehr gutes Gurtsystem, wertig in der Haptik und toll in der Optik. Die Expedition Linie von Apidura, wendet sich an den ambitionierten Abenteurer, der seinen wetterfesten Anspruch ans Material stellt. Die Apidura ist wasserfest und robust, die zwei Klettbänder sind ausreichend lang und halten die Satteltasche gut am Sattelrohr. Diese Serie besticht durch Wetterfestigkeit und scheut auch den groben Kontakt mit Schotter und Stein nicht. Auch wenn der Preis kein absolutes Schnäppchen ist: die Apidura holt sich aufgrund der tadellosen

Verarbeitung und Funktion den Testsieg.

Apidura

Miss Grape – weich, schick und gut

Miss Grape, die italienische Schönheit konnte funktional überzeugen. Die Sattelgurtbänder sind farblich vom Verschlusssystem abgegrenzt, die Montage ist aufgrund der guten Klickverschlüsse schnell erfolgt. Das Material fühlt sich sehr weich und auch etwas elastisch an, sperriges Gut kann daher sicher gut verstaut werden – leider keine 100%ige Wasserdichtigkeit, sondern „nur“ eine 10.000er Wassersäule, die aber einem Regenschauer locker standhält. Schickes Schwarz mit reflektorähnlichen Einwebungen erzeugt eine etwas andere Optik als die bekannten Outdoor-Taschen bieten. Leider fehlt ein Ventil und auch ein obenliegendes Bandsystem. Dennoch, eine robuste, schicke Tasche mit italienischem Flair.

Miss Grape

Gramm – die individuelle Schönheit

Wow. Was für eine Tasche. Optisch, haptisch, funktional. Die Gramm überzeugt auf ganzer Linie. Die Montierbarkeit ist Top und geht ohne hakeln und fummeln vonstatten. Die Verschlüsse sind sehr wertig und das Material macht einen überdurchschnittlich vertrauenserweckenden Eindruck. Die uns vorliegende Tasche ist in einem frisch Blau gehalten – Gramm kann jedoch auf Kunden-individuelle Wünsche eingehen und fertigt eben den Ansprüchen des ambitionierten Bike-Packers entsprechend. Die Gramm Satteltasche hat eine ausreichend weite Öffnung und lässt sich ebenso leicht beladen wir sie sich sehr gut verzurren und schließen lässt. Kein Schnäppchen, aber ein Top-Tipp für alle die auf Qualität und Individualität wert legen und etwas besonderes haben wollen. Aufgrund des Preises knapp den Testsieg verpasst.

Gramm

Revelate Design – Kompetenz im Sack.

Die Revelate wird von Profis gemacht. Nimmt man die Tasche in die Hand, führt intiutiv die Montage durch und wendet man das System an, merkt man: hier hat man sich Gedanken gemacht. Das Harness-System sitzt wackelfrei, die Gurte, Bänder und Schnallen sind hochwertig, Schlaufen ermöglichen zusätzliche Anbringung von Haltepunkten. Der Packsack ist robust und natürlich gegen die Unbilden des Wetters gefeit. Verarbeitung und Ausstattung sind sehr gut. Kurzum: Qualität und Funktion spielt in der oberen Liga, der Preis ist im Mittelfeld angesiedelt – eine sehr gute Kombination.

Blackburn – eng, gut, günstig

Die Blackburn ist ein Harness System. Der Pack-Sack ist wasserdicht aber sehr schmal und lang geschnitten. Die Montage klappt problemfrei und die Schnallen gehen auch noch durch die Sattelstreben, wenn ein anderer Halter (z.B. von einer Werkzeugtasche) montiert ist. Top. Die Spanngurte laufen sehr gut und fixieren sicher. Der „Harness-Korb“ ist robust und nimmt den Packsack sicher auf. Die Tasche neigt bei voller (und eher schwerer Beladung) aufgrund der Länge etwas zum „schaukeln“. Aufgrund der sehr schlanken Bauform stört sie jedoch im Fahrbetrieb zu keinem Zeitpunkt. Alles in allem ein tolles Produkt in guter Qualität mit gutem Preis/Leistungsverhältnis.

 

VauDe – graue Eminenz ?

Nachhaltigkeit wird bei VauDe groß geschrieben. So erhält auch diese Satteltasche von VauDe das begehrte Greenshape Label. Das System ist simpel. Ein Packsack und ein Schale, fertig ist das Bikepacking Equipment für die Sattelstange. Wie auch schon bei der Rahmentasche überzeugt die Fixierung nur bedingt. Der Riemen lässt sich freilich gut spannen und schließlich auch verstauen, aber man muss schon etwas Kraft einsetzen, will man das System ordentlich spannen (und wieder lösen). Der Vorteil dieser Konstruktion erschließt sich uns zunächst nicht. Der Rest ist schnell erklärt: der Packsack hat eine etwas eigene Form und fällt nicht allzu groß aus, hält aber in der Harness- Aufnahme sicher und zuverlässig. Wetterfest und robust genug eignet sich die VauDe Einheit auch für Touren jenseits von Schönwetter. Einzig die etwas fummelig Fixierung kostet Punkte und führt zu Abstrichen in der Gesamtnote.

VauDe – ACHTUNG: Riemen fälschlicherweise auf dem Foto nicht durch die Sattelstrebe geführt !

Infobox: Wer liefert Bikepacking-Taschen.

Acepack – http://www.acepac.bike/

Apidura – https://www.apidura.com/

Blackburn – https://www.blackburndesign.com/en_eu/

Gramm – http://www.gramm-tourpacking.com/

Missgrape – http://www.missgrape.net/

Ortlieb – https://www.ortlieb.com/de/

Porclain Rocket – https://porcelainrocket.com/

Revelate Design – http://www.revelatedesigns.com/

SKS – http://www.sks-germany.com/

VauDe – https://www.vaude.com/de/

 

Testkommentar

Vorweg: jede Tasche ist empfehlenswert – Teilt man das Feld in „Volltasche und Harness mit Sack“ auf, sichert sich Apidura den Testsieg – in der Handhabung ist diese Tasche einfach top. Dicht gefolgt von der Gramm aus Berlin die durch Individualität glänzt und beste Qualität bietet. Die Ortlieb überzeugt durch Funktion und Optik. Aber auch Miss Grape und Salsa sind klare Empfehlungen. Erstere, weil sich schon optisch etwas vom Mainstream abhebt und das Material sehr angenehm anmutet. Die Harness Systeme bieten den Vorteil, dass der Beutel schnell entnommen werden kann. Leider konnte die VauDe aufgrund der fummeligen Montage nicht 100% begeistern. Puristen jedoch wird diese einfache Lösung gefallen. Die Blackburn ist hinsichtlich Preis/Leistung ein klarer Tipp, hat jedoch einen sehr eng geschnittenen Beutel. Platzhirsch in dieser Kategorie die Tasche von Revelate Design, die sich keinerlei Schwächen leistet.

© Udo Kewitsch, Jun 18 – erschienen in der BikeAdventure 4/18


7 Kommentare

Georg · 30. Mai 2019 um 12:06

Hallo,
Eine Frage bitte zum Satteltaschen Test.
Habt ihr die Apidura Expedition 14 Liter oder 17 Liter getestet?

LG
Georg

    Udo Kewitsch · 30. Mai 2019 um 12:13

    Hallo Georg, die 14L Version … siehe auch Bike Adventure Nr.4/2018 … dort ist die Apidura mit 18 (von 20) Punkten mein persönlicher Testsieger. Gutes Teil 🙂 …. Beste Grüße, love the ride, Udo

      con · 3. Juli 2019 um 10:51

      Hallo Udo!
      Habt Ihr mal das Volumen der 14l-Apidura nachgemessen?
      Das scheint gewaltig nicht zu stimmen – habe eben die 14L Version vorliegen, mit kleinen Styroporkügelchen komme ich auf gerade mal (maximal!) 9 Liter…!
      Grüße!

        Udo Kewitsch · 3. Juli 2019 um 17:25

        Hallo Coseil, oh. to be honest: das Gewicht haben wir klar nachgewogen, aber die Liter-Angabe nicht durch eigene (geeichte) Volumina nachgemessen. Gefühlt würde ich allerdings sagen: alle Taschen im Test mit ähnlichem Volumen wurden von mir auch gleichermaßen beladen. Wenn also eine 14l Apidura nur ca. 9L bietet, dann das ja „auffallen“ müssen ggü. den etwa gleich großen Gramm (12L) oder Miss Grape (13) oder Salsa (14) bzw. Revelate (14). Das würde ich aber jetzt subjektiv nicht bestätigen (überall wurde ungefähr das gleiche Equipment „reingestopft“.). Es gibt die Apidura Saddlebags aber in der Tat in drei Größen : 9, 14, 17L !! Hast Du evtl. die 9L Bag erwischt? Lg Udo

Thomas · 12. Juni 2019 um 17:55

Hallo
vielen Dank für die Info – eignen sich die Taschen auch für Rennräder? Gibt es da besonderes zu beachten bzw ändert sich die Empfehlung?

    Udo Kewitsch · 12. Juni 2019 um 20:54

    hallo Thomas, gerne. Ich würde sagen „ja“ – vllt. mit einer kleinen Einschränkung: je länger (größer) diese „Raketen“ hintenraus bauen, des tendenziell „wackliger“ werden sie. Sicherlich kann man verzurren etc…. aber 20Liter beladen pendeln halt doch ein wenig hin und her …. es gibt allerdings (hier nicht getestete) Systeme, die mit einer Art Rack Unterstützung bieten (zB Porclain Rocket Mr. Fusion). …. dann ist es auch kein Problem. Mir persönlich haben die kleineren Taschen auch auf dem Renner perfekt geholfen und Windjacke/Regenhose etc. lässt sich allemal einpacken. Lg Udo

Customized Bags – Udo Bike Blog · 13. Juni 2019 um 23:43

[…] spezialisiert. Es gibt ein Standard Reportoire, es gibt Satteltaschen —> siehe Udos Satteltaschentest hier, es gibt die wunderbare TopTube Bag –> siehe Udos Taschen Teil4 Test, und es gibt […]

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