Titan und Stahlbikes aus Passion

Falkenjagd und Rennstahl. Welch klangvolle Namen. Wir haben die Manufaktur besucht und waren gleichermaßen überrascht wie auch beeindruckt. Wer beide Marken in der Szene wahrnimmt, dem fallen sicherlich die Schlagworte wie „Wertigkeit, Exklusivität, High End und Top Performance“ ein. Es scheint sich fast wie mit italienischen Sportwagen zu verhalten: man sieht sie ab und zu, aber in einem Verkaufsraum würde man sich nicht trauen. Ganz anders ein Besuch bei Rennstahl im heimischen Garching. Was mit „Testcenter“ ausgeschrieben ist, entpuppt sich als kleiner und überschaubarer (zweigeteilter) Laden in mitten der Fußgängerzone. Kein hermetisch abgesicherter Bereich, kein roter Teppich, sondern zwei Räume voller Träume. Hier stehen die titangewordenen Falkenjagd Visionen und die langlebigen Stahlrahmen in Reih und Glied. Anfassen erlaubt, keine Banderole oder gar Absperrung hält einen ab. Das Team, mittlerweile auf acht Personen angewachsen steht sympathisch und mit Herzblut zu Verfügung. Junior Philipp hat seine Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann erfolgreich absolviert, Christopher studiert Informatik und hilft regelmäßig in der Werkstatt aus. Jeder macht alles, eine Hierarchie spürt man nicht, es wird Apfelschorle gereicht und gelacht.

Die Falkenjagd Geschichte selbst nimmt ihren Lauf im Jahre 2004 mit einem Ausflug in den Tierpark Poing. Die junge Familie Kirschner wollte den Kindern etwas bieten. Ein Jahr zuvor bei der Spartakiada, einem 254 Kilometer langen Radmarathon bei dem es über 3000 Höhenmeter zwischen Sparta und Athen zu bewältigen galt, entstand eine Vision und auf den langen Kilometern gleichzeitig die Idee Fahrräder zu bauen – dem Radmarkt etwas Besonderes bieten zu wollen. „Eine gehörige Portion Naivität und die leidenschaftliche Liebe zum Radfahren“ waren die Initialzündung für die Entscheidung Bike-Hersteller zu werden. Ein Name musste her. Ein Name, der sich abgrenzt, der die Eigenschaften, des Produktes als Alleinstellungsmerkmal deutlich macht. Womit wir beim Tierpark Poing wären. Dem Falkner mit den Kindern bei der Falkenjagd zuzusehen war der Schlüsselmoment und Geburtsstunde von Falkenjagd.

Ausdauer, Geschwindigkeit, Überlegenheit, Fokussierung, Präzision und Wendigkeit: all dies vereint der Falke auf der Jagd in sich. Die Besonderheit war die Entscheidung ausschließlich hochwertige Titan-Rahmen zu bauen. Titan als Material überzeugt durch hohe Widerstandsfähigkeit, ist sehr leicht, rostet nicht und ist doppelt so elastisch wie Stahl. Der Komfortgewinn enorm – die Entscheidung kaufmännisch nicht ganz ohne Risiko.

Doch der Start war beschwerlich. Zunächst wurden Mountainbikes für den Eigenbedarf gebaut, dann gab es im ersten Jahr zuerst sechs in der Folge circa zwanzig Räder pro Jahr und eins kam zu anderen. „So fing alles an“, räumt Andreas Kirschner, gelernter Luft- und Raumfahrt Ingenieur ein. Der entscheidende Schub kam jedoch erst 2010 durch einen Fachbeitrag im Bike Magazin. Die Kundschaft wurde nun auch überregional aufmerksam, Falkenjagd in der Szene bekannt und – aufgrund der Falkenjagd Attribute – auch schnell beliebt. Heute werden alljährlich circa 600 Titan Falkenjagd Räder ausgeliefert.

Nachdem der Name Falkenjagd als Marke eingetragen war, flatterte prompt eine Unterlassungsklage ins Haus. Die Firma Falken Tires (japanischer Großkonzern und Hersteller von Reifen) witterte Verwechslungsgefahr. Der Prozess dauerte 3 Jahre und konnte schließlich gewonnen werden, da der Begriff Falkenjagd in der deutschen Schreibweise grammatikalisch seine „Wortbedeutung“ sich auf die zweite Worthälfte, also –jagd, konzentriert. Diese überstandene Feuerprobe bestätigte einmal mehr die Charaktereigenschaften „Ausdauer und Fokussierung“. Dennoch, räumt Andreas Kirschner ein „hätten wir gewusst wie steinig der Weg ist, bin ich mir nicht sicher ob wir ihn gegangen wären“ und fügt schmunzelnd hinzu: „Leidenschaft zum Rad und eine gehörige Portion Naivität waren wohl unser Startkapital“.

Die Titanrohre stammten bisher aus Deutschland und sind das Kern KnowHow von Falkenjagd und Herzstück jeden Bikes. Die Rohrsätze sind das Erfolgsgeheimnis der Firma, der Quellcode steifer Falkenjagd Titan- & Rennstahl Stahl-Rahmen. Jede Rahmengröße und jedes Modell verfügt über einen eigenen Rohrverlauf, über einen größenspezifischen Rohrsatz. Kirschner erläutert: „In einer so engen Nische wie dem Titanrahmenbau muss eine Firma ihr Alleinstellungsmerkmal genau definieren, sonst lässt sich die eigene Existenzberechtigung nicht nachhaltig behaupten. Für die einen ist es der Maßrahmenbau, für uns ist es ganz klar die Technologieführerschaft bei den verwendeten Rohrsätzen.“

Die Titankurbel beispielsweise ist hohlgeschmiedet und wiegt – mit Kettenblatt 690g! Die Falkenjagd Latte liegt hoch und dieser hohe Anspruch wird konsequent gelebt. Auch im Detail lässt Kirschner nicht locker. Beispiel Gepäckträger. Dieses vergleichsweise kleine, aber doch wichtige Bauteil an einem Reiserad muss natürlich zuverlässig Lasten tragen können und stabil sein. Ein namhafter Hersteller wollte aber keine Freigabe für eine Bohrung für eine Kabeldurchführung zum Rücklicht erteilen. „Wir haben das Kabel von Schweinwerfer bis zum hinteren Ausfallende innen im Rahmen verlegt, der letzte Meter zum Rücklicht sollte daher nicht außen verlaufen. „Jetzt haben wir eine eigene Trägerserie für unsere Gravel- und für unsere Reiseräder“, so erklärt Kirschner den Schwenk zur Eigenproduktion. 

Backside

Die Entwicklung auf dem Bikemarkt steht nicht still. Als 2010 der erste Prototyp der Getriebeschaltung Pinion auf den Markt kam, war für Kirschner klar: das Konzept hat Zukunft, verlangt aber abermals nach innovativen, intelligenten und nicht zuletzt wirtschaftlich machbaren Lösungen. Die hohen Werkzeugkosten für die Rahmenintegration allein auf dem Titansektor zu konzentrieren, hätten das Produkt exorbitant verteuert und wären somit zum Gamestopper geworden. Ein Zukauf kam nicht infrage. „Das war die Geburtsstunde von Rennstahl“, erinnert sich Andreas Kirschner.  Der entscheidende Impuls kam von Ehefrau Astrid, zuständig für das Controlling und mit der Gabe „out of the box“ und über den Tellerrand hinaus zu denken. Durch die Marke Rennstahl wurde eine eigenständig abgegrenzte Bikelinie etabliert, die Werkzeugkosten auf zwei Marken verteilt und die Lernkurve für beide Konzepte genutzt. „Ohne Pinion gäbe es Rennstahl nicht und Rennstahl gäbe es unsere E-Bikes nicht“ bringt es Kirschner auf den Punkt.

Pinion

Das neben dem exklusiven Titan auch Stahl herausragende Eigenschaften hat, ist kein Geheimnis: moderne Interpretation des klassischsten aller Werkstoffe, auf dem höchsten Stand der Technik. Die Stahlrahmen werden sowohl nachhaltig wie komfort- und leistungsorientiert ausgelegt, bei einem nahezu zeitlosen Design. Mit den richtigen Legierungen, Wandstärken und Rohrdimensionierungen vereinbaren sich somit drei Vorteile und lösen den Zielkonflikt bestmöglich: niedriges Gewicht, hohe Steifigkeit und Langlebigkeit. Rennstahl.

Gates

Auf meine Frage nach der Vision von Falkenjagd und Rennstahl antwortet Andreas prompt „Nachhaltige Produkte zu erschaffen: Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Durch Billigmassenware wird dieses Verhalten in unserer Gesellschaft noch weiter forciert – unter ökologischen sowie ökonomischen Gesichtspunkten bereits mittelfristig betrachtet, eine klare Fehlsteuerung von knappen Ressourcen. Dem wollen wir nicht folgen … aber natürlich das Freiheitsgefühl mit unseren Rädern vermitteln, das man so intensiv nur beim Radfahren erleben kann: Alle unsere Anstrengungen zielen zuletzt nur auf eines ab die Freiheit, die wir beim Biken empfinden, an unsere Kunden weiterzugeben. Das beginnt beim Spielraum in Bezug auf die Auswahl der Komponenten bis hin zu Unbeschwertheit und Vertrauen im Umgang mit dem fertigen Produkt. Und natürlich sollen unsere Räder als Aufforderung verstanden werden, die Freiheit in der Bewegung zu erfahren. Das Fahrrad ist für uns also das Symbol von Freiheit schlechthin“.

Freiheitsmobill

Die nächsten fünf Jahre werden spannend, nicht nur weil sich dann das zwanzigjährige Jubiläum ankündigt, sondern weil Falkenjagd/Rennstahl einen neuen großen Schritt wagt. Die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens mit einem taiwanesischen Zerspanungs-Unternehmen bedeutet, dass ab Mitte 2020 nicht nur alle Frästeile, sondern auch von dessen Mutterunternehmen alle Stahl und Titanmodelle geschweißt werden. Was früher mit einem, sechs und dann zwanzig Rädern und später auch noch mit 300 Rädern pro Jahr organisierbar war, ist heutzutage bei knapp 1200 Falkenjagd / Rennstahl Rahmen per Anno nicht mehr darstellbar.

Bescheiden lächelt Andreas als ich ihn nach den Zielen für diese nächsten 5 Jahre befrage: „Nur ein Ziel: wieder mehr Radfahren gehen, jetzt wo die komplette Infrastruktur bezüglich Fertigung steht und auch die Stückzahlen sich zwischen 1100 und 1200 eingependelt haben, sind wir auf Flughöhe. Nun gilt es, den Betrieb mehr und mehr an unsere Kinder zu übergeben, damit auch hier die Nachhaltigkeit gegeben ist.“

Und er fährt fort als er mir seinen größten Traum verraten soll: „…hört sich abgedroschen an, aber unser Traum ist es schon, die Welt besser zu machen. keine Abrücke zu hinterlassen, unseren Kindern eine Perspektive zu geben, auch mit unserer Firma, für die Umwelt einen Beitrag zu leisten. Die größten Ängste, die mich und Astrid in der Tat belasten, sind viel mehr Umweltängste, wohin die Welt hinsteuert. Weniger die täglichen Existenzängste. Aber wie gesagt, hört es sich vielleicht sehr abgedroschen und werbetechnisch weichgespült an, aber es ist halt so wie es ist bei uns…“

Wer einmal ein Falkenjagd oder Rennstahl fahren durfte, wird etwas von dieser Passion spüren können. Bodenständig und authentisch präsentieren sich die Macher und das gesamte Team hinter Falkenjagd und Rennstahl. Zwei Marken, eine Firma. Es sind die eingangs erwähnten Falkenjagd und Rennstahl Gene, die wohl nicht messbar, aber doch erlebbar mit eingebaut sind. Ein Besuch im Münchner Norden vermittelt viel von diesem Spirit, der seinen Ursprung bei einem Besuch im Tierpark Poing hat und so gar nichts mit einem jener Hochglanzshops der Sportwagenbranche gemeinsam hat.

by the way: der Bericht von mir ist in der jüngsten Cycle Ausgabe erschienen … dies hier ist jedoch die ungekürzte Original Version.

*** © Udo Kewitsch, Mar 2020 / Zeichen 10233 / Zeilen 146 ***

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9 Kommentare

Gerold Heider · 29. März 2020 um 16:50

Schöner Bericht mit und um die Mannschaft hinter Falkenjagd & Rennstahl.
Als vor einigen Jahren die Überlegung reifte das Auto gegen ein Fahrrad einzutauschen, der Umwelt und der Gesundheit zuliebe, suchte ich für mich ein passendes und zuverlässiges Fahrrad.
Allein mein Arbeitsweg umfaßt täglich 45km mit 850 Höhenmetern und das bei Wind und Wetter.
Viele Räder namhafter Hersteller wie Idworx, Velotraum, Tout Terrain habe ich mir angeschaut und auch zur Probe gefahren.
Dann fielen mir die Rahmen mit einer sehr aufwendigen Rohrverarbeitung oder muß ich schon sagen Rohrbändigung in Titan & Stahl / Edelstahl auf was ich bis dahin so im Detail noch nicht gesehen hatte.
Dadurch brennt bis heute für mich das Feuer für Falkenjagd und Rennstahl.
Es ist aber noch mehr, wie der nette Kontakt und das Bodenständige was das Ganze noch abrundet.
Aber auch die Zielstrebigkeit mit der die Produkte verbessert werden oder eigene Teile zu entwickeln, die der Markt nicht hergibt damit Funktionalität, Belastbarkeit & Langlebigkeit
für den Kunden gegeben sind.
Darum Falkenjagd Bikes & Rennstahl Bikes.
Liebe Grüße aus Siegen
Gerold Heider

    Udo Kewitsch · 29. März 2020 um 17:00

    Hallo Gerold, dankeschön. Und WOW, was für ein tolles Statement für das Team von Falkenjagd/Rennstahl – ich hoffe, Andreas liest es. Dein täglich Ritt zollt mir jeden Respekt ab, als ob 45km schon nicht genug wären, 850hm hinzu sind deftig – daily. Danke für Deine Post. Live the ride ! Udo

      Cliff G. Bischoff · 29. März 2020 um 18:16

      Servus, ich kann Gerold‘s Ausführungen nichts mehr hinzufügen, toller Kommentar! Ich fahre selbst ein Hoplit RS und ein Trail 853 und kann nur sagen, ich habe noch niemals solch steife Rahmen gefahren! Die Bikes bilden mit dem Fahrer eine homogene Einheit und sind durch ihre Nachhaltigkeit für Generationen gebaut! Ich kann nur sagen, weiter so im Fluss und bleibt alle Gesund..!!
      Mit freundlichen Grüßen aus Hessen
      Cliff

        Udo Kewitsch · 30. März 2020 um 20:00

        Hi Cliff, danke für Deine Anmerkungen .. .ja, Du hast Recht, sowohl der Kommentar von Gerald aber auch sein feines Video sind sehr aussagekräftig…. als Non-E-Biker lasse ich das gerne (ohne eigene Erfahrung) hier so stehen. Mein „Bio“ Pinion 853 läuft ebenfalls Sahne und hat von mir den Spitznamen „Panzer“ erhalten. ride on, Lg Udo

      Gerold Heider · 29. März 2020 um 18:32

      Respekt, ja & nein 🙂
      Hätte schreiben sollen das ich mit E-Unterstützung fahre.
      Kombi Pinion P1.18 mit Go Swissdrive in / an meinem Hoplit.
      Liebe das geräuschloses Fahren !
      Als alter Sack mit 57 ständig 8 – 12 Gepäck am Axios-Träger ist die Strecke täglich ( knapp 2 Stunden Fahrt ) nicht zu schaffen ohne E-Unterstützung.
      In dem Video sieht man einen Teil des Arbeitswegs der mich durch einige km des Rothaargebirges NRW / Hessen führt.
      https://youtu.be/w19JAFZVNNM
      Seit letztem Jahr sehe ab und zu andere E-Bikefahrer die die längste Steigung zum Rothaargebirge auch bekannt unter Kalteiche von der Ortschaft Wilnsdorf aus erklimmen.
      Aber regelmäßig mit dem E-bike zur Arbeitsstelle fahren wird viel zu wenig umgesetzt weil das Wetter nie passt, schade.

      Gruß Gerold

        Udo Kewitsch · 29. März 2020 um 18:46

        Hi Gerold, schönes Video … die Distanz ist mit E absolut ok. Das mit dem Schnee ist heftig, aber mit den IceSpikern geht das prima. Nutze ich auch im Winter. Und die Double Sons hab ich so noch nie gesehen. Cool. Ride on. … U.

          Gerold Heider · 30. März 2020 um 19:40

          Hallo Udo,
          den Doppelhalter bekommst du bei Interesse bei Falkenjagd / Rennstahl und werden nur immer in kleinen Losgrößen gefertig.
          Der Gedanke dahinter war viel Licht mit wenig Energie.
          Hatte zuerst an die Supernova M99 gedacht weil diese so Lichtstark ist.
          Aber von nichts kommt nichts und somit braucht die Lichtstarke M99 auch viel Energie.
          Die obere Edelux2 leuchtet direkt vors Rad und hat mich im im Spätherbst schon 2 x vor Kollisionen mit Wildschweinen gerettet.
          Die unter Lampe leuchtet den Mittleren- und den Fernbereich aus.
          Liebe Grüße Gerold

          Udo Kewitsch · 30. März 2020 um 19:58

          danke Gerald, ich werde das mal mit Andreas von Rennstahl besprechen … klingt sehr interessant. Kommt der Strom aus dem SON oder aus dem Akku? Grüße Udo

Gerold Heider · 31. März 2020 um 12:31

Beides !
Hatte damals geplant ein zweites Hinterrad mit normaler Nabe zukaufen damit
Ich auch ohne Akku und Nabenmotor fahren kann.
Daher der SON im Vorderrad.
Bedenken sollte man das der Son nur Leistung für ein Edelux2 & Rücklicht liefert.
Für 2 x Edelux2 am SON reicht der erzeugte Strom nicht aus.
Gruß Gerold

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