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Siegsdorf, Haustür – Bratislava (SK)

packed

Tag 1 / Do. 04.Juni / Siegsdorf – Pocking / 146km

9:30h ist ausgemacht. Die Sonne lacht ihr schönstes Lächeln. Wir werden die heißesten Tage des bisherigen Jahres haben. Die Vorfreude ist immens. Mein Rad steht frisch gepackt im Schuppen und wartet auf seinen Einsatz, die Tatsache, dass ich gestern Abend eine gerissene Speiche entdeckt habe, verursachte nur einen kurzen Moment etwas Sorge. Mein Velotraum wird schon halten. 8:50h wird aufgesattelt, die Reise kann beginnen. Einmal mehr wird aus einer lockeren Idee Realität und daraufhin ein fester Plan und letztlich ein kleines aber feines Abenteuer. Um Punkt 9:30h stehe ich am vereinbarten Treffpunkt am Viadukt in Traunstein. Andy erscheint 2 Minuten darauf. Kurz noch die Speiche mit dem Leatherman „verarzten“ und dann kann es losgehen. Wir fahren über die Dörfer und Höfe des Landkreises, Kammer, Brünning, Palling, Gengham und in grober Richtung Burghausen, welches wir schließlich gegen Mittagszeit erreichen. Ein Radler haben wir uns nach diesen knapp 60km redlich verdient. Oben auf der Burg (mit 1050m die längste Europas) finden wir einen idealen Ort zum Jausenstopp. Meine grobe Einschätzung, das wir uns schon fast 50% erarbeitet haben wird sich später als fatale Fehleinschätzung erweisen. Endziel Passau. Und weil wir ja in der kartographische Aufbereitung etwas schlampig agieren, nehmen wir prompt die Streckenführung in Richtung Marktl und damit locker 20km Umweg in Angriff / bzw. unwissend in Kauf.

Es geht gut dahin, erste Ermüdungserscheinungen werden standhaft ignoriert und als wir schließlich erstmals die Kilometerangabe nach Passau entdecken, wird uns etwas klamm um die Oberschenkelmuskulatur. Auweia, noch gut 80km, 100 haben wir aber schon. Ey. Nee, oder? Wir sind bei der groben Google Earth Planung von 126 (+-) ausgegangen. War der Umweg derart ein Griff ins Pech-Schälchen? Shit.

Es hilft nun nichts. Die Jugendlichen, die frisch zurück vom Badeweiher aus der Ausfahrt kommen, fragen, ob es auf diesem schmalen Weg nach Simbach (nächste Station) geht? Die Antwort kommt Facebook-like und sehr motiviert: „…eigentlich schon.“ Auf meine Nachfrage, was in diesem Kontext das Wörtchen „eigentlich“ für eine Bedeutung hat, meinen sie nur „Nana, das geht da scho …“ Tja, wir brauchen sage und schreibe 10m um festzustellen, das der Weg völlig weglos in einer Wiese mäandert und sich im Kornfeld verliert. Solche Pfeifen aber auch.

Simbach kommt, eine Pause muss her, wir haben einen gewissen Erschöpfungsgrad erreicht. Zwei Radler. Die Eisdiele hat leider keine Maßkrüge verfügbar, daher müssen wir auf zwei Gläser alles aufteilen. Nun beginnt die „was wäre wenn Planung“. Was wäre wenn wir die restlichen nunmehr 70km nicht mehr schaffen, schon gar nicht bis 19h zu verabredeten Zeit. Micha und Julia, die ich damals in Irland kennengelernt habe, würden sich auf ein Bier zu uns gesellen. 19h können wir vergessen. Es ist gleich 17h. Die Beine lahm, der Hintern vorhanden, ich spüre meine Füße und überhaupt ist die Aussicht auf „zu viel“ nicht mehr motivierend. Was wäre, wenn wir mit dem Zug etwas „schummeln“ ? Ok, die App zeigt einen Zug und gleichzeitig auch ein fettes Contra Argument. 2h Fahrzeit für die 70km. Nee, danke, dann lieber selfmade. Mit einem VW Bus würden wir auch mitfahren, gerne auch mit einem amerikanischen Chevy Pick Up, doch alle, die wir dann auch tatsächlich ansprechen, verneinen mit dem Hinweis auf abendliches Grillen oder einem schlichten „Nein“.

Wir zerlegen also den Weg in Scheiben und Zielen auf Pocking. Gegen 19h stehen wir am Ortseingang und stellen ganz klar fest: keinen Meter weiter. 146km sind auf dem Tacho. Die heutige Grenze erreicht. Michaela und Julia kommen zu uns. Auch ok. Wir finden am Baggersee in Pocking eine traumhafte Location für Zelt und Badehose und stürzen ins Wasser. Welche Quell der Freude nach diesen langen Stunden Fahrtzeit.

Der Zeltplatz, übrigens für lau, ist ein Traum. Idyllisch wäre ein treffendes Wort. Das Leben kann schönes sein. Morgen stehen zwar 30km mehr auf dem Programm, aber das ist jetzt so. Basta. Die Dorfwirtschaft oder besser der schöne Biergarten von Pocking kredenzt uns üppigen Salat und leckeres Bier. Die Unterhaltung mit den zwei Mädels ist äußerst nett und spaßig. Schnell noch ein Bier von der Tanke, ein Abschiedsdrücker und wir zwei sitzen äußerst relaxt vor unseren Zelten und starren auf den See. End day one.

Tag 2 / Fr. 05.Juni / Pocking – Linz / 130km

Die Sonne küsst uns wach (keine Mädels). Die übliche Zeremonie beginnt. Packen, richten, ordnen, sortieren, zusammenlegen, Luft auslassen, all das. Es gibt Espresso aus dem Beutel, aber dampfend heiß. Schnell ein Sprung in den See, die Lebensgeister sind geweckt. Nächster Halt Passau. Um kurz nach 11h sind wir im Zentrum. Ein zweiter Kaffee, ein bisschen rasten und die Speicher auffüllen, schon sind wir wieder auf Kurs. Wir haben uns für Linz als Realisten Ziel entschieden und in Erwägung gezogen, von dort aus ein paar Kilometer mit der Bahn gutzumachen, da uns sonst die Einhaltung des Plans (Sonntag Abend in Bratislava zu sein) verhagelt wird, wollen wir nicht auf dem Zahnfleisch ankommen. Die Streckenführung bis Linz ist moderat, fordert aber auch heute ganzen Einsatz. Po, Schenkel, Füße, Hände,…. All dass meldet sich. Der Körper meckert, ey, mach mal langsam, ey quäl misch nisch.

Die Dörfer kommen, die Dörfer gehen. Die Donau fließt geruhsam dahin, stresst uns nicht. Es liegt eine gewisse Ruhe in der Luft. Immer wieder verlocken traumhafte Biergärten und scheinen zu rufen: „komm doch, lieber Radfahrer, trink mich leer“. Es ist überhaupt bei diesen Temperaturen nur schwerlich auszuhalten – ein Radler ist das mindeste, was ein Mann braucht.

Ab Passau geht es zunächst am Flusslauf entlang bis Au. Dort nehmen wir die Fähre St. Maria bis Inzell und queren dabei den Flusslauf um am rechten Ufer weiter bis nach xX zu pedalieren.

Einerlei ob rechtes oder linkes Ufer – es bleibt unbestritten, das ab einem gewissen Kilometerstand auch eine gewisse Mühsal Eintritt die Glieder melden sich. Es geht zach dahin. Aber Linz muss sein, sonst können wir den Plan, Sonntag Abend in Bratislava anzuschlagen gleich ad Acta legen. In Fall ca 15 vor Linz geben wir uns nochmals eine wohlverdiente Erschöpfungsrast. Die Kneipe am Ortsrand ist etwas grintig, aber das Radler kühl. Schuhe abwerfen, Zehen Strecken, Schenkel klopfen, Rücken beugen. Wie weit noch? Sermon uns anvisierte Campingplatz liegt hinter Linz. Wir beugen uns.

Linz. Endlich. Schon wieder nach 19 Uhr. Aber welch ein Empfang. Eine durchweg entspannte Stadt, Fußgängerzone, Menschen, Sportler, hübsche Frauen, ein Hauptbahnhof. Dort checken wir die Zugverbindungen, konkreter Andi checkt, er ist auf dieser Reise der Verkehrsminister. Ich mag die Bahn nicht.

Selfie über den Dächern von Linz

Die Tickets für die morgige Schummelei sind schnell erworben. Wir sparen damit ca. 60km und damit locker 3 Stunden. So wird, so kann es klappen. Die restlichen knapp 100 werden wir ja wohl schaffen.

Der Abend am Hauptplatz ist herrlich. Überall Menschen. Ein Feuerwerk ist angekündigt, das Essen beim El Grecco prima (auch wenn es italienische Nudeln sind), lauwarme Luft. Unseren Zeltaufbau verschieben wir auf Dämmerung. Noch einmal Finale 6km und wir sind am Campingplatz, oder was sich dafür hält. Morgen ist Linzer Triathlon. Entsprechend die Kulisse. Wir kehren dem kleinen eingezäunten am See liegenden Platz den Rücken und fahren am See entlang. Das geht noch besser. Auf der anderen Uferseite finden wir einen feinen (Bade)Platz. Ein Wasserhahn, eine Bank, keine Toiletten, aber der See einen Steinwurf entfernt. Zelt-Zeromonie, dann ab ins Wasser. Nackig. Ein Bier brauchen wir nicht, dafür sind wir zu erschöpft, überhaupt irritieren uns die umherlaufenden gestalten etwas. Andi geht direkt auf einen zu, wird angeblendet und ich rechne schon fast damit, das die zwei sich in die Wolle kriegen. Doch alles bleibt friedlich. Der etwas festere Typ erklärt uns der Nachtwächter auf dem Gelände zu sein (kein Funkgerät, keine „offizielle“ Jacke, kein Revolver ;)) und ,eint, bald werde es hier losgehen, dann kommen „alle möglichen Typen und man solle diesen tunlichst nicht ins Gesicht leuchten, das mögen die nicht“. Na Bravo. An der Bank dort drüben, ein paar Meter entfernt steht ein dürres Männecken, nur mit einem t-Shirt bekleidet, der faltige Hintern lügt aus dem Shirt hervor. Hallo? Andi flutlichtet den Kerl ein paar mal an, aber der lässt sich nicht von seiner Stellung / Haltung abbringen.

Wir schlafen zwei Minuten später ein als sonst. Die Nacht verläuft ereignislos.

Tag 3 / Sa. 06.Juni / Linz – Tulln / 90km

Ereignislos stimmt nur bedingt. Ich schlafe wie ein Stein. Und um 7.15 Uhr schreit mir eine Stimme im schlimmsten österreichisch ins Zelt: „gäh, bittschä, bauens jätzt ab, der Bodenbädrieb gäht gleih los“. Ich antworte schlaftrunken „ja ist klar“ und meine eigentlich „ey lass mich bloß in Ruhe“.

Frechheit.

Um kurz vor acht ringen wir uns dazu durch aufzustehen. Um uns rum tatsächlich lauter alte dicke Nackte. Wir liegen inmitten eines FKK Geländes. Ohoh. Der Zug geht um 10:30h. Heute wo wir so schön hätten ausschlafen können. Wir packen alles zusammen und fahren den Weg zurück in die City, vorbei am bereits beginnenden Triathlon, durch den Grünen Gürtel von Linz um Donau Ufer entlang. Sehr schön. Noch einmal Hauptplatz bis Bahnhof. Kleiner Imbiss und dann ab nach Amstetten und dort weiter bis Melk. Wir laden die Bikes ein und der Mann von der ÖBB besteht darauf, dass wir die Taschen allesamt demontieren. So ein Depp. Aber es hilft nix.

Mit drei Minuten Verspätung erreichen wir Amstetten. Taschen wieder ran, spurten. Andi hetzt schwerlich die Treppe hinauf. Ich nehme den Aufzug. Oben angekommen, sehen wir in aller Seelenruhe die Rücklichter des äußerst pünktliche den Bahnhof verlassenden Zuges davon rattern. Vielen Dank Herr Oberschaffner. Was tun. Der nächste Zug geht exakt eine Stunde später, und braucht rund 50 Minuten. Wenn wir radeln kommen wir im etwa gleichzeitig in Melk an. Haben aber Körner verbraucht. So ein Mist. Der Tag verrinnt uns. Wir warten. 12:53 next Chance.

Wir stehen am Gleis 1, dort wo der Zug um 11:53 so lieblich davon glitt. Und wundern uns, das kein Zug einfährt. Die Anzeige verkündet: Gleis 1, 13:53h. Hallo? Andi macht einen quickcheck und erfährt, um 12:53h geht der Zug heute ab Gleis 4. wir sprinten einmal mehr. Im letzten Moment springen wir noch auf. Das war knapp.

Melk. Jetzt aber mal fahren Bitteschön, der halbe Tag ist rum und wir haben eigentlich noch nix geleistet. Wir steigen in die Pedale. Wachau lieblich, schön, schattig. Gemütliche Gasthöfe verlocken, werden aber beharrlich ignoriert. Bis Krems muss es ohne Pause gehen. Die Beine sind müde, aber wir sind motivierter. In Krems (very Nice) gibt es einen Break am Steiner Tor. Die Bedienung hat zwar überhaupt keine Ahnung, das hier ein Fluss durchfließt und auf welcher Seite man besser nach Fürth fährt und ob es dorthin überhaupt einen Weg ohne Auto gibt, aber sie serviert wenigstens die bestellte Ware fehlerfrei.

Weiter geht es. Minimum Ziel für heute: Campingplatz Zwentendorf. Dort steht ein Campingplatz auf der Karte. Der Donauradweg verläuft idyllisch am Flusslauf, immer wieder schöne Ausblicke, Natur allerorten, Schiffe, Boote, Paddler, es ist Sommer. Wunderbar.

In Zwentendorf angekommen, finden wir den Platz zunächst nicht. Warum wird schnell klar. Das ist eine eingezäunte (leere) grüne Wiese. Wir haben 75km geschafft. Nicht so schlecht für einen halben Tag. Aber noch nicht gut genug. Wir nehmen den nächsten Etappenpunkt in Angriff: Tulln. Auch dort gibt es einen Campingplatz und sogar einen See. Wenn wir stramm bleiben, sind wir um 19h dort. Gesagt, geschafft.

Am Eingang begrüßen uns vier Radler aus dem Frankenland. Etwas schräge Paarungen, der eine ein Liegeradler, der voll beladen ist, eine ältere Ökotante, die uns von den Vorzügen der Verdunstungskälte des alten Socken erzählen will und eine ungleiche alt/jung Kombination, die sich ständig widerspricht. Nein der See liegt links, nein der ist doch rechts. Der kostet Eintritt, nein, der ist frei. Wir lassen sie allein.

Zeltaufbau Akt der dritte. Schön. Dann das verdiente Abendmahl. Die nette quirlige Bedienung trägt zur guten Stimmung bei, die Mücken versuchen das Gegenteil zu erreichen. Wir kaufen noch ein Flaschbier und finden dann den gerechten und guten Schlaf.

Tag 4 / So. 07.Juni / Tulln – Bratislava / 114km

Final day. Wir starten. Wir stehen vor der Türe Wiens und versuchen nach einem schnellen Zeltabbau zügig durch den Großstadtdschungel zu navigieren. Gar nicht sooo leicht. Andi mag einen Abstecher zum Dom machen und nach kurzem Sightseeing geht es stadtauswärts.

Hier steppt der Bär. Es ist Sonntag Nachmittag, die ganze Stadt ist auf den Beinen, es wird gegrillt, gechillt, gekocht, gerockt, und vor allem : FKK soweit das Auge reicht. Das muss jetzt nicht zwingend was positves bedeuten. Wir erhaschen natürlich so manch unappetitlichen Blick. Am Donauufer entlang geht es nun episch bis zur Grenze. Die Wegführung ist eine unendliche Gerade, die nie mehr aufzuhören scheint. Aber wir kämpfen uns bester Laune nach vorne. Herrlich.

Nach gut 100km erblicken wir (weitere Vorkommnisse sind nicht überliefert) die stolze Shiolette von Bratislava. Endspurt. Wir zwei steigen in die Pedale. Zack vorwärts. Der Abend zuvor war gekrönt von einer netten Bedienung und guten Gespräche, der mittag heute gespickt mit FKK Eindrücken und der Nachmittag wird zur großen Belohnung, wir radeln ins Bratislawische ein. Chaka. Stadtplatz hier, Hotel bitteschön in angemessenem Stile, das Dinner sollte ein kleine Sucherei werden, aber die Biere bis dahin waren lecker.

So verbringen wir einen stolzen Abend und lassen uns treiben. Wunnerbar. Der Montag steht ganz im Zeichen der Rückreise, es gilt ein Ticket bis Wien zu organisieren, dann die lange Fahrt anzutreten. Und es kommt wie es kommen muss. Hatte ich noch überlegt, eine weitere Zeltnacht in Waging einzulegen, kachelt es pünktlich mit Zugankunft in TS was der Herrgott hergibt. So sehr, dass wir beide uns erstmal ein Eis gönnen.

Andi kommt endlich in den Genuss seiner Regenmontur und ich bin ein Weichei und fahre Zug. Wenigstens ist Petrus auf den letzten 3km gnädig und ich erreiche trockenen Fußes meine Hütte. Ende gut, alles gut. Danke für die Zeit.

Ach ja: one thing: das schöne Video zu Tour gibt es hier

its raining

*** (c) Udokah, Sommer 2015

Kleine Auswahl …..

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