Alpencross – late & lite

Eine schon fast gemütliche Alpenüberquerung – ideal im Frühjahr oder Herbst

Beinahe hätte es nicht mehr geklappt. Der Sommer, der keiner war. Detlef, mein innerer Schweinhund, hatte manchmal Oberwasser, einige Freunde waren unpässlich und überhaupt: irgendwie sollte es nicht mehr sein: Alpencross 2014. So neigte sich das Kalendarium in den Herbst hinein, die Tage wurden kürzer, die Temperaturen sanken – kann man da überhaupt noch Alpencrossen? Man kann. Late & lite. Spät – wir starteten am 2.Oktober – und leicht – auf den Spuren des römischen Kaisers Claudius. Auf der Original Route der berühmten Via Claudia geht es von Ehrwald bis nach Bassano del Grappa. Wie das schon klingt. Wir mussten einfach fahren.

Tag 1 – Von Ehrwald nach Pfunds(90km, 1242hm)

Der Zug verlässt pünktlich um 6.43h den Traunsteiner Bahnhof, vier Stunden später steigen wir in Ehrwald aus dem Abteil. Voller Elan und Tatendrang. Die Route des heutigen Tages ist mit knapp 1300 Höhenmetern eine vergleichsweise einfache Aufgabe, doch die knapp 100 Kilometer an einem, durch die Anreise verkürzten, Tag sind allemal sportlich. Von Ehrwald führt der Weg beschaulich an Leermoos vorbei, die Beschilderung weist Richtung Fernpaß weiter nach Nassereith. Auf Schotter rollen wir bei frischer Luft, aber bestem Wetter gemütlich auf die ersten Anstiege zu. Wiesen, Weiden, Wälder, ein kleiner Moorsee, ein paar kernige Stiche auf grobem Untergrund und schon dürfen wir die vielbefahrene Straße hinauf zum Fernpaß queren. Vis a vis startet ein kleiner Wandertrail und führt hinab zum Fernsee-Schloss. Wir sind wieder mittendrin im Alp-X Modus. Die Sonne lacht, milde Temperaturen beflügeln die Urlaubslaune, die sich seit heute in aller Herrgottsfrühe breitmacht.

Startschuss – tolle Kulisse

Die Wegweisung entlang der Via Claudia, insbesondere auf der österreichischen Seite ist vorbildlich. Fernpaß, Nassereith, Imst, Landeck, Pfunds, das sind die markanten Etappenpunkte des heutigen Tages. Immer wieder kumulieren sich die Höhenmeter im Gelände unnachgiebig auf, nach halber Wegstrecke kehren wie in Landeck zu einer verdienten Rast ein. Cappuccino, ein Stück Kuchen, das Leben ist schön. Weiter geht es bis zum Endziel Pfunds, durch schattige Wälder, steter Blick auf die imposante Bergwelt.

Der Tag neigt sich, aber es beginnt durchaus mühsam zu werden. Knapp 100 Kilometer fordern die Muskulatur und das Sitzfleisch. Der Rucksack zieht nach unten, die Beine murren. Wir nehmen das beste Quartier im Ort und nach einem Saunagang sieht die Crosser Welt wieder wohlzufrieden aus.

Tag 2 – Pfunds – Naturns (96km / 1248hm)

Die Idee für den heutigen Tag ist folgende: weniger fahren, dafür morgen dann mehr – damit wäre es ein gemütlicher Tag, alles unter 90km macht die geplanten ca. 1300 Höhenmeter dann hoffentlich etwas erträglicher, zumal wir ja früher starten (hätten können).

Müsli und Obst, der Tag beginnt gesund. Die Sonne zeigt ein breites Grinsen und wir sind schnell auf dem Radweg zur Kajetansbrücke und weiter nach St. Martina in der Schweiz unterwegs. Dort zweigt die Straße nach links, nun heißt es: aufwärts, die Wadeln. Bis zur Norbertshöhe und dem darauffolgenden Reschenpass (1504m) ist es ein gutes Stück, nie extrem steil, der Verkehr hält sich in Grenzen, die Temperaturen sind moderat. Spätsommer. Ein Cappuccino in Nauders ist erlaubt. Auf dem Weg nach Reschen hat man die Wahl Bonushöhenmeter einzubauen – der Abzweig übers Plamort ist eine bekannte Alpencross Route. Wir lassen das, getreu unserem Motto „lite“ im Wortsinn links liegen und freuen uns kurz darauf über die grandiose Sicht auf den blitzenden Reschensee. ‚Weit vor uns der schneebedeckten König Ortler. Die Variante „rechts um den See herum“ ist eine sehr empfehlenswerte. Auf und ab geht der asphaltierte Radweg oberhalb vom Ufer entlang und gewährt immer wieder prächtige Blicke. Am Ende der Seenplatte wartet eine der schönsten Radwege-Abfahrten Italiens auf uns. Gemessen von Reschen bis Meran geht es auf 82 (!) Kilometern im Grunde nur bergab. Ein Festival. Keine Autos stören den Abwärtsdrang, einige (E)-Biker wagen Teilstücke in entgegen gesetzter Richtung, Einkehroptionen am Wegesrand hat man genug. Herz was willst Du mehr?

 Kurz nach dem Trail Paradies Latsch in den südtiroler Apfelplantagen entscheiden wir uns die Quartiersuche in Angriff zu nehmen, haben wir doch schon 70 Kilometer absolviert. Das erste Haus verneint, das zweite Haus ebenso, das dritte Haus telefoniert einige Betriebe ab: Fehlanzeige, also weiter zum nächsten Ort. Dort das gleiche Spiel. Wir nähern uns der 19h Marke, sind müde und wollten eigentlich doch nicht mehr als höchstens 80km hinter uns lassen. Kein Erfolg. Wir müssen schließlich bis Naturns und erhalten dort mit offensichtlich viel, viel Glück das allerletzte Not-Zimmer unter dem Dach eines Hotels. Das war knapp.

Adresse des Tages: das letzte Zimmer in Naturns

Tag 3 – Naturns – Kaltern (62km / 561hm)

Haha. Die nicht gesparten Kilometer vom Vortag müssen heute auch nicht reingeradelt werden. Das Quartier in Kaltern ist fix und somit ein weiterer Übernachtungs-Gau ausgeschlossen. Wir starten in Richtung Meran, heute stehen keine 1000 Höhenmeter auf der Liste. Die knapp 70 Kilometer erscheinen uns nach den letzten zwei Tagen geradezu als einfach. König Ortler hat der Sage nach zwei Riesenstühle an seinem Aussichtsbalkon hinterlassen, dort hat der Tourismusverband eine wunderbare Plattform errichtet, die einen weiten Blick ins Tal erlaubt. Kurze Rast, soviel Zeit darf sein. Meran selbst präsentiert sich lebhaft und doch entspannt spätsommerlich. Die Temperatur mild, das Treiben in den Gassen und der Fußgängerzone bunt, Musik hier, Lachen dort, und wir mittendrin.

Äpfel soweit das Auge reicht

Der folgende Ritt über Lana am Ultental vorbei führt uns durch das scheinbar unendliche Apfelgebiet Südtirols. Waren es gestern gefühlte Millionen von Äpfeln, so müssen es heute wohl Milliarden sein. Äpfel soweit das Auge blickt. Es geht auf und ab, die Streckenführung ist dank GPS zuverlässig und der letzte Anstieg hinauf nach Kaltern, kurz vor Bozen, wird von Endorphinen begleitet. Immerhin ist es erst 15 Uhr. Das Kulinarium in Kaltern wartet auf uns. Wir stürzen ins Gewühl der kleinen Gassen, Weinverkostung überall, buntes Treiben und Marktgeschehen und nach der Einkehr in unserer schönen Herberge werden wir auch kulinarisch in altem Gewölbe bestens versorgt.

Tag 4 – Kaltern – Levico (80km / 703hm)

Kaltern entlässt uns mit Sonnenstrahlen, der Kalterer See liegt in den Morgenstunden noch friedlich am Hang – im Juli/August ist er ein herrlicher Ort für 3 Wochen Festivalstimmung. Wir folgen der Wegführung in Richtung Etsch. Dort entlang werden wir bis Trento kaum Höhenmeter machen und die heutigen gut 70 Kilometer sind nur vom letzten Anstieg hinauf nach Levico Therme erschwert.

Der Weg an der Etsch entlang ist vormittags weitaus weniger beschwerlich, als in der zweiten Tageshälfte, wenn einem der heftige Wind „Ora“ entgegenbläst. Wir pedalieren daher relativ entspannt, treffen Radreisende aus Aachen und verbringen so eine gute Stunde gemeinsam plaudernd auf diesem schönen Weg im Tal.

Trento I

Trento II

In Trento angekommen erobern wir kurzerhand den wunderschönen Marktplatz in Ortsmitte. Cappuccino Zeit. Es ist Sommer. Die Stimmung herrlich. Wir stehen vor den Toren Levicos, nur noch ein Anstieg, dann ist die vorletzte Etappe geschafft. Zwei Stunden später checken wir in unserem Hotel ein, genießen Pool und Sauna und auch die anschließende wohltuende Massage. So viel Luxus darf schon sein.

Tag 5 – Levico – Bassano del Grappa (75km / 376hm)

on our way to Bassano

Um es kurz zu machen: Levico bis Bassano führt über einen sehr guten Radweg, bietet mächtige Bergrücken links und rechts des Weges und ansonsten wenig spektakuläres, außer dem wohlverdienten Ankunftsglück. Bassano empfängt uns mit offenen Armen. Der Sommer ist auch hier noch in voller Blüte, die Altstadt ein Traum für Italienliebhaber und nach der erfrischenden Dusche stürzen wir uns ins beschauliche Nachtleben der Stadt.

vergessen?

Alpencross Nummer 14 ist damit in Wortsinn in letzter Minute doch noch Realität geworden. Keine 5000 Höhenmeter, aber immerhin gut über 400 Kilometer. Keine Höchstleistung im Sinne von sportlichem Anspruch, aber ein Höchstmaß an Genuss und wohlwollender Milde.

Bassssaaaaano ….

Ein Cross für all jene, die diese Abenteuerluft einmal schnuppern wollen, in 5 Tagen sportlich, in 6-7 Tagen schon fast gemütlich machbar. Ideal auch für E-Biker, Trekkingradler und überhaupt Crosser, die es werden wollen. Achtung: kann süchtig machen.

die berühmte Brücke …

Infos zur Tour gerne beim Autor.

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© udo kewitsch, Winter 2014

alle Jahre wieder mein Motiv:

 


1 Kommentar

Best of 2019 – Udo Bike Blog · 4. Januar 2020 um 14:47

[…] Juli war die letzten 17 Jahre 20x mein Alpencross Monat (Ausnahme der late&lite Cross im Oktober sowie der Winter AlpX 2018). Nach 20x Crossen sollte es 2019 einmal kein Cross sondern […]

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